Buchtipp | Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten

25. März 2019

„Die Verdrängung ist zum Geschäftsmodell geworden“, konstatierte Stadtsoziologe Andrej Holm im April 2018 bezogen auf den Berliner Wohnungsmarkt (Freitag 13.04.2018). Da war das empirische Material der jetzt veröffentlichten Studie von Wüstenrot Stiftung und Geographischen Institut der Humboldt-Universität längst gesammelt. [1] Ein Kernergebnis stützt Holms Aussage: Die Verdrängungsrate, die von den Forschern unter knapp 2.000 Umzüglern in den beliebten Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte ermittelt wurde, beträgt nicht weniger als 22,5%. Knapp zwei Drittel dieser Menschen wurden direkt verdrängt, ihre Mietsituation hat sich also so zum Schlechteren verändert, dass sie nicht mehr bleiben konnten oder wollten. Ein weiteres Drittel hat sich zum Umzug entschlossen, weil sich das Wohnumfeld so gewandelt hat, dass die Aufgabe der bisherigen Wohnung die bessere Option schien. Kulturelle Verdrängung nennen das Forschungsteam das.  Und die Unterscheidung macht deutlich: Mit der Untersuchung ist zunächst eine grundlegende Konzeptualisierung von Verdrängung gelungen, die beim Vorliegen entsprechender Daten ein gefühltes Phänomen erstmals messbar macht.

Auch Andrej Holms eingangs zitierter Warnruf lässt sich mit den Studienergebnissen differenziert belegen: Schaut man sich an, das fast 50% aller aus Wohnungen privatwirtschaftlicher Unternehmen verdrängten Menschen wegen Mieterhöhungen auszogen und mehr als 40% aufgrund von Instandhaltungsstau, wird man durchaus zur Sympathisantin der Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“.

Dass private Kleinanbieter*innen tatsächlich die größte Gruppe der Verdränger ausmachen, wie in der Studie dargestellt, wollen nicht alle Fachleute glauben. Deutlich ist jedenfalls, dass bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen und bei den Genossenschaften nur wenige Mieter*innen überhaupt auszogen – und noch weniger von diesen Verdrängungsfaktoren als Grund angaben.

Man mag nicht in allen Punkten mit der Methodik und den Abgrenzungen konform gehen. Man mag bedauern, dass sich die Erhebungen auf zwei innerstädtische Szenebezirke beschränken und man nichts über die kulturelle Verdrängung am Stadtrand erfährt. Man mag darauf hoffen, dass die Befragung in regelmäßigen Abschnitten wiederholt wird.  Ganz unabhängig davon hat die Studie auch über Berlin hinaus Relevanz für Städte mit angespannten Wohnungsmärkten – als Inspiration, die eigene Lage genauso detailliert zu analysieren und als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Instrumentariums, das Verdrängung zurückdrängen kann. Denn die 3,1 km, die das Forschungsteam als durchschnittliche Entfernung vom alten bis zum neuen Wohnort der Verdrängten ermittelte, sind eine Welt in einer Stadt der Kieze.

[1] Wüstenrot Stiftung (Hrsg.): Verdrängung auf angespannten Wohnungsmärkten. Das Beispiel Berlin. Fabian Beran/Henning Nuissl. Ludwigsburg 2019. Bezugsquelle: www.wuestenrot-stiftung.de