Laubengänge oder vom Gelingen ungeplanter Begegnungen II.

Die Highdecksiedlung mit ihren Fußgänger:innenhochstraßen ist ein Beispiel dafür, wie die Planung von Flächen für ungezwungene und spontane Begegnungen scheitern kann. In meinem Wohnblock scheint die Idee hingegen zu funktionieren. Aber welche Faktoren tragen dazu bei, dass ein solches Konzept den Realitäts-Check besteht oder nicht?

Sicherlich spielt die Aneignung der Bewohner:innen eine große Rolle. Das schließt zum einen Regeln zur Nutzung seitens der Vermietungsgesellschaft ein – also ob der Bewohnerschaft die Möglichkeit gegeben wird, die Räume mitzugestalten. Zum anderen funktioniert die Aneignung dieser Räume nur über den Gestaltungswillen der einzelnen Bewohner:innen. Der erste Faktor – die Vorgabe seitens der Wohnungsgesellschaft – unterscheidet sich stark zwischen der Highdecksiedlung und meinem Wohnblock. Während in ersterer (inzwischen) im Grunde alle Freizeitaktivitäten untersagt werden, gibt es keinen Regelkatalog für unsere Laubengänge. Den zweiten Faktor – den Gestaltungswillen der Bewohner:innen – kann ich nur schwer beurteilen. Sowohl in der Highdecksiedlung als auch in meinem Wohnblock zogen die neuen Mieter:innen jeweils relativ zeitgleich ein, sodass es keine Unterscheidung zwischen Neu-Zugezogenen und Alt-Eingesessenen gab. Alle sind „neu“ hier. Auch die anfängliche Bewohner:innenstruktur beider Nachbarschaften dürfte vergleichbar (gewesen) sein. Viele Mieter:innen in meinem Block sind junge Familien oder Paare sowie unkonventionell zusammengesetzte Wohngemeinschaften. Auch zur Fertigstellung der ersten Wohnungen der Highdecksiedllung im Jahr 1976 zogen zahlreiche junge Familien ein, für die ihre Wohnung in der Siedlung die ersten eigenen vier Wände bedeuteten. Das nachbarschaftliche Verhältnis in den 1970er und frühen 1980er Jahren wurde dort als sehr positiv bewertet. Zudem hätten sich alle gekannt. Hatten also die Fußgänger:innenhochstraßen in der Highdecksiedlung anfangs doch einen Effekt auf die Nachbarschaft und die Interaktion zwischen den Bewohner:innen?

Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Nutzung und Frequentierung in unseren Laubengängen entwickeln wird. Momentan habe ich den Eindruck, dass diese halb öffentlichen, halb privaten Räume einen zentralen Platz im Alltag vieler Bewohner:innen einnehmen. Bestimmt auch deshalb, weil sie neben der bloßen Funktion als Erschließungsraum zusätzlich als Balkone und Terrassen genutzt werden. Im Laufe der nächsten Jahre wird sich die Pflanzenpracht sicherlich immer mehr entfalten; das Laubenganggitter ist wie für Rankpflanzen gemacht. Dadurch wird sich bestimmt das Erscheinungsbild im Vergleich zu heute verändern: Die Flächen vor den Wohnungen sind dann weniger einsehbar, wodurch sich der Nutzungscharakter womöglich anpassen wird.

Laubengänge oder vom Gelingen ungeplanter Begegnungen

Für mein Praktikum bei Urbanizers und mein anschließendes Masterstudium bin ich aus dem beschaulichen Weimar in das herausfordernde Berlin gezogen. Dieser Schritt ist für mich der Übergang aus dem Laboratorium Universität in den praktischen Kosmos Büro. Zumindest vorerst.

Zur Zwischenmiete wohne ich in einem erst kürzlich fertig gestellten Neubau in Neukölln. Der Bau orientiert sich zum einen an der klassischen Berliner Blockrandbebauung und integriert zum anderen die veränderten Anforderungen an das Wohnen durch offen gestaltete Grundrisse. Zentrales Element des Blocks ist die Erschließung über Laubengänge. Momentan sind sie noch ziemlich karg – es wurden überwiegend Sichtbeton, Stahlgitter und Wellblech als Außenmaterialien verwendet. Aber nach und nach gestalten die neuen Bewohner:innen die Bereiche auf ihrem eigenen Teilstück des Laubengangs: Schon die eine oder andere Hollywoodschaukel, eine Essenstafel, Sitzsäcke und unzählige Pflanzen haben ihren Weg auf die Außengänge gefunden. Die Mehrzahl aller Wohnungen ist ausschließlich über den Weg der Laubengänge erschlossen. Häufig müssen die Bewohner:innen somit an zwei bis drei „fremden“ Wohnungen vorbei, bis sie ihren eigenen Wohnungseingang erreicht haben.

Und was ereignet sich in diesen Zwischenräumen? Kommt es tatsächlich zum erhofften Austausch zwischen den Mieter:innen? Werden die Laubengänge als erweiterter Wohnraum verstanden oder lediglich als Erschließungsräume genutzt?

Ein Seitenblick: Etwa vier Kilometer südöstlich meines Wohnblocks liegt die Highdecksiedlung. Mehr oder weniger zufällig bin ich durch Recherchen bei Urbanizers auf diese besondere Wohnsiedlung aus den 1970ern gestoßen. Markant für die Siedlung ist die konsequente Umsetzung der „autogerechten Stadt“.* Dieses Leitbild gehörte seit Beginn der Massen-Mobilisierung in den 1950er Jahren zu den richtungsweisenden Prinzipien der Stadtentwicklung. In der Highdecksiedlung erweiterten die beiden Architekten Oefelein und Freund dieses Leitbild in Richtung einer zugleich fußgänger:innengerechten Stadt. Die flächendeckende Stapelung der beiden Verkehrsebenen war damals einzigartig und auch heute findet sich noch wenig Vergleichbares. Die Idee bei der Gestaltung der Fußgänger:innenebene (Highdecks) war dabei folgende: Die Highdecks sollten zugleich Erschließungsraum und Kommunikationsbereich sein. Sitzgruppen, Spielgeräte und abwechslungsreiche Bepflanzung sollten eine gelöste Atmosphäre des nachbarschaftlichen Austauschs fördern. Die beiden Architekten sahen zudem die Gestaltung der Highdecks und der gemeinschaftlichen Grünflächen durch die Bewohnerschaft vor. Zunächst sollten die Bewohner:innen eine Auswahl aus einem Katalog möglicher Nutzungen treffen. Nach einer „Zeit der Identifikation“ hätten die Freiräume dann entsprechend der herausgebildeten Bedürfnisse verändert werden können. So vermerkten die beiden Architekten: „Highdeck und Freiflächen stellen sich als offene Zone dar, die Nutzungen für einen heute noch nicht definierten Bedarf an Gemeinschafts-Einrichtungen innerhalb wachsender Freizeitansprüche aufnehmen können.“ Allerdings wurde dieses Konzept nie umgesetzt; insbesondere bei der Außengestaltung der Siedlung wurden erhebliche Abstriche gemacht, da sie scheinbar vonseiten der Wohnungsbaugesellschaft GSW als eher unwichtig erachtet wurde.

Bei meiner kleinen Exkursion in die Highdecksiedlung hatte ich den Eindruck, dass die Highdecks kaum genutzt werden. Vermutlich auch deshalb, weil sie kaum gestaltet sind und weil fast jegliche Aktivität darauf verboten ist. Von Grillen bis hin zu Fußballspielen ist laut Verbotsschild nichts erlaubt. Was also tun auf den Hochstraßen, die ohnehin für die Erschließung nicht (mehr) notwendig sind? Die Mieter:innen können nämlich von der Erdgeschossebene aus, die ursprünglich ausschließlich den Autos vorbehalten war, direkt in die Hauseingänge gelangen – ohne dabei die Highdecks zu benutzen. Außerdem scheint das Fußgänger:innenwegenetz völlig überdimensioniert im Verhältnis zum eigentlichen Bedarf.

Zurück in meinem Wohnblock: Neben der alltäglichen Nutzung als erweiterte Wohnfläche hat sogar schon ein Open-Air-Kino im Innenhof des Wohnblocks stattgefunden. Viele der Bewohner:innen saßen auf ihren Laubengängen und haben gemeinsam einen auf die Hauswand projizierten Film angesehen. Für mich spielt der Laubengang außerdem noch eine besondere Rolle: Mein Zimmer ist relativ klein und dunkel. Deshalb genieße ich es besonders, meinen Feierabend und die Wochenenden auf unserer Laubengang-Terrasse zu verbringen. Dieser Ort trägt also maßgeblich zu meiner Lebensqualität und zu meinem Wohlbefinden bei.

*siehe dazu auch die Studienarbeit „Highdecksiedlung und Rollbergviertel – Zwei Wohnkonzepte der 1970er Jahre“ an der Universität der Künste Berlin im Studienjahr 2005-2006, unter https://archive.vn/20130206180902/http://siebzigerjahre.laufwerk-b.de/seminarbeitraege-referate/highdecksiedlung-rollbergviertel/ , zuletzt aufgerufen am 29.06.2020

Soziale und/oder räumliche Distanz

Das Coronavirus brachte eine Wende: die Menschen müssen unter sich physische Entfernung halten, wünschen sich jedoch mehr denn je miteinander eng verbunden zu sein. Ganz besonders betroffen von der Krise ist das Gemeinwohl, die entscheidendste Sphäre der Gesellschaft: die Kultur, Kunst, der Schulunterricht, Sport …

Vor ein paar Wochen bekam ich eine Email von der Verwaltung des Maxim Gorki Theater. An diesem staatlichen Theaterhaus habe ich bis gerade eben als Freiberufliche an einigen Projekten mitgewirkt. Nun wurden alle Inszenierungen aus dem Repertoire bis Ende der Spielzeit, eigentlich sogar bis Ende des Kalenderjahres, auf Eis gelegt oder die Verträge beendet.

Obwohl die meisten Geschäfte und Gewerbe langsam wieder ihre Türe öffnen, das Stadtleben scheinbar zurück zur Normalität kehrt und mein Heimatland die Pandemie sogar offiziell für beendet erklärte, bleibt viel „Gemeinwohl“, vor allem im Bereich Bildung, Kunst und Kultur, weiterhin sehr eingeschränkt.

Der öffentliche Raum ist untrennbar mit dem Recht der öffentlichen Zugänglichkeit verbunden, dem Recht zu seiner Benutzung auf einer individuellen und kollektiven Ebene. Das sind nicht nur die Plätze in der Stadt, dazu können auch viele andere Räume gehören, wie z. B. in Skandinavien traditionell die Naturquellen. Viele Länder, z. B. Schottland, die Schweiz, auch Slowenien, kennen gemeinsame Hochgebirgsweiden. Dazu kommen heute die „Commons“ mit noch breiterem Umfang im Cyberspace vor, in Form von „Open Source“, „Creative Commons“ u.s.w., das dem Kapital widerspricht und als „Piraterie“ vertrieben wird.

Kunst im öffentlichen Raum ist in der Regel eine Raum-spezifische Kunstpraxis, also geht es nicht um künstlerische Produktionen, die zufällig da sind und überall funktionieren könnten. Auch der öffentliche Raum ist kein unbeschriebenes Blatt Papier, sondern muss als Palimpsest, ein altes mehrmals beschriebenes Pergament mit vielseitiger Geschichte, gelesen werden.

Wie in vielen Aspekten, bietet sich der momentane Ausnahmezustand als Chance. Durch Adaptierungen der traditionellen Schulstrukturen, sowohl räumlichen wie auch pädagogischen, ist es möglich neue Lernräume in der Stadt zu entdecken. Kunst-, und Sportveranstaltungen brauchen alternative Inszenierungsräume, die mit gut durchdachten Interventionen im öffentlichen Raum und Umgebungen bespielt werden sollten.

Der Virtual Space bietet sich in vieler Hinsicht als ein Zufluchtsort an, doch die Träger:innen der Kontaktsphären sollten nicht in Furch erstarren, sondern nach Ideen suchen, damit die unvermeidbare räumliche Distanz nicht in Wirklichkeit zu seiner sozialen Distanz wird.

Man kann doch nicht akzeptieren, dass mit der aktuellen Epidemie ein Ende des Aufbaues, das unsere Zivilisation repräsentiert, eingetreten ist. Es ist zu befürchten, dass das Corona Virus eines der Inhalte bleibt, die die Räume unserer Zukunft nachhaltig mitbestimmen. Es ist also höchste Zeit für neue Überlegungen zum Umgang mit den öffentlichen Räumen!

Blick von Parkbank in Geisa

Stadtflucht und Sommerfrische

Stadt, Land – bei diesen Worten kommen mir aktuell vier Dinge in den Sinn:
das Denkspiel Stadt, Land, Fluss, dass es mittlerweile auch als Corona-Edition gibt, unsere Auftraggeberin, die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft STADT UND LAND, die IBA-Thüringen, die sich mit dem Thema StadtLand auseinandersetzt und zuletzt meine eigene aktuelle geografische Situation.

Letzterer Punkt ist für mich neu: der Corona-Virus hat mich als Verfechterin und Liebhaberin des dicht gedrängten, pulsierenden urbanen Raums dazu gebracht, die Hauptstadt für die ruhige Idylle zu verlassen. Und ich bin nicht die Einzige. Ganz egal ob in Berlin oder Bayern, mit den (noch) anhaltenden Einschränkungen im öffentlichen Raum zieht es mehr und mehr Menschen in ihren ländlichen Zweitwohnsitz, zur Familie mit großem Haus oder die Datsche am Wochenende – sofern sie es können und dürfen.

Aber wieso? Home-Office in der kleinen Wohnung? Nein, danke! Komplettes Social-Distancing im Ein-Personen-Haushalt? Keine gute Idee! Meine Gedanken gehen weiter: Ist es auf dem Land und in Kleinstädten „sicherer“ in Bezug auf die Einhaltung hygienischer Maßnahmen als in Großstädten? Und habe ich dort vielleicht das Gefühl, stärker über meinen Alltag entscheiden zu können, da es einfach gewisse Angebote nicht gibt, auf die ich jetzt in der Stadt verordnet verzichten müsste? Mache ich es am Ende des Tages überhaupt richtig, wenn ich zum Wohle der Allgemeinheit Zuhause bleibe (#stayhome) und temporär in einen dünner besiedelten Raum umziehe? Oder bin ich nicht sogar ein potentielles Risiko für die dort überwiegend ältere Bewohner:innenschaft und deren Gesundheitsinfrastruktur, falls ich doch eine „Überträgerin“ wäre?

Ich entfliehe Berlin. In ein Haus mit großem Garten. Wir sind zu viert. Mit allen anderen bin ich digital vernetzt – genau wie meine Mitbewohner:innen vom Land. Und ich merke: eine Entkopplung von Arbeits- und Wohnort ist gut möglich.

So viel Glück wie ich haben aber nicht alle: Homeoffice und Landflucht sind Luxus im Vergleich zu den systemrelevanten Held:innen der Gesellschaft, die nicht von Zuhause arbeiten können und mehr denn je an ihrer Arbeitsstelle gebraucht werden. Ich merke, wie privilegiert ich bin: schon während der Zeit der Sommerfrische kamen zunächst diejenigen zum Durchatmen aufs Land, die es sich leisten konnten. Kulturgeograph Werner Bätzing sieht es ähnlich: „Immer, wenn das, was die Stadt eigentlich ausmacht, zu ihrem Problem wird – die Dichte, die gute Erreichbarkeit und die vielen Kontakte – ziehen sich diejenigen, die es sich leisten können, aufs Land zurück. Dafür gibt es viele historische Belege: Kriege, Krisen und auch immer wieder Seuchen, am bekanntesten ist wohl die Pest.“

Auch der Soziologe Richard Sennett sieht Unterschiede in der Pandemie zwischen Stadt und Land. Er befürchtet die Gefahr einer größeren Spaltung. Die Dichte der „kurzen Netzwerke“ sei in der Stadt weitaus höher, gerade auch bei Älteren. Er befürchte eine größere Isolation auf dem Land. Aus meinen Projekten heraus kenne ich gerade das Gegenteil – die Netzwerke sind im ländlichen Raum gefestigt und die Kommunikationswege sind kurz. So lässt sich vieles pragmatisch und schnell in der Gemeinschaft regeln.

Mir gefällt es hier – im Augenblick. Ich genieße die Sommerfrische: die weiten leeren Felder und die Nähe zu den Wäldern. Genauso freue ich mich aber wieder auf meine Wohnung in Kreuzkölln. Bei dem ein oder anderen Stadtflüchtenden bleibt aber vielleicht die Sehnsucht nach der Weite und Leere hängen und befördert die Trendwende der dauerhaften Stadtflucht.

Zum Tag der Arbeit ein kurzer Trialog per Zoom

X: Ein Blogbeitrag zum 1. Mai wäre cool. Irgendwas zu New Work und Stadtentwicklung, Reaktion auf das Multilokale.

Y: Ich kann nicht. Ich bin total müde und genervt, den ganzen Tag hüpft meine einjährige Tochter neben mir auf und ab. Hat eigentlich irgendeiner von diesen Work-Life-Aposteln eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn man bezahlte Arbeit und Care-Arbeit nicht mehr trennen kann?

Z: Ich auch nicht. Ihr wisst, dass wir beide von zuhause arbeiten müssen. Ja, es läuft, irgendwie. Vor allem nachts schaffen wir schon was weg.  Aber Herr A aus B hat echt gemeckert, als neulich meine Tochter mit ihren Matheaufgaben in die Videokonferenz kam.

X: Macht euch das Homeoffice nicht flexibler?

Y: Klar, wir müssen wenigstens nicht mit Masken in die Öffis. Dass Kinderbetreuung und Arbeit parallel funktionieren, ist allerdings ein Mythos.

Z: Den Gedanken, das Recht auf Homeoffice für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesetzlich zu verankern, finde ich total zynisch, solange uns keiner sagen kann, wie es mit den Kitas weitergeht.

Y: Finde ich auch. Homeoffice ist kein Ersatz für ein schlüssiges Betreuungskonzept, nicht während Corona und auch nicht danach.

X: Okay, ihr habt mich überzeugt. Lassen wir das mit dem Blogbeitrag, schlaft euch aus.

Bleibt zuhause!

Seit Wochen dominiert dieser Appell den politischen Diskurs, die Berichterstattung und die sozialen Medien. Überlegungen zu den Auswirkungen, die die Corona-Krise auf unser Zuhause hat, sind bisher allerdings Randnotizen geblieben. Die aktuellen Beschränkungen des sozialen Lebens führen jedoch nicht nur zu Veränderungen des öffentlichen Raums, sondern eben auch des privaten. Während das Fitnessprogramm nun im Wohnzimmer stattfindet und sich die Küche per Videokonferenz in eine virtuelle Bar verwandelt, ist das Zuhause für viele in diesen Tagen mehr denn je ein Ort der Arbeit. Dabei verlagern sich die ohnehin beweglichen Grenzen zwischen Öffentlichem und Privaten neu. So ist der Blick mit der Webcam des Bürocomputers hinein in die Wohnungen der Kolleg*innen Teil eines neuen Arbeitsalltags geworden.

Ich selbst habe die Heimarbeit bis heute vermeiden können und bin, weil das immer noch möglich war und ist, weiterhin ins Büro gekommen. Warum? Mein Zuhause ist mein persönlicher Rückzugsort. Nur ungern möchte ich dort arbeiten. Außerdem vermittelt mir mein gewohntes Arbeitsumfeld ein kleines bisschen Normalität, wenn doch eigentlich alles anders ist. Trotzdem hätte ich jederzeit ins Homeoffice umziehen können, denn ich habe ein sicheres Zuhause, wo ich mit ausreichend Platz ungestört meinen Aufgaben nachgehen kann. Was jedoch ist mit denjenigen, denen das nicht möglich ist? Wo Eltern das Arbeitszimmer fehlt und Kinderbetreuung und Heimarbeit nun gleichzeitig zu bewältigen sind? Was ist mit denen, deren dunkle Wohnungen keine Balkone oder nur winzige Hinterhöfe bieten, um mal kurz Pause an der frischen Luft zu machen? Und was ist mit denen, die kein sicheres oder gar kein Zuhause haben?

Zuhause zu bleiben als Maßnahme gegen die Pandemie folgt einer bürgerlichen Idee der eigenen vier Wände und ist nur schwer umzusetzen, wenn die eigene Wohnung beengt und kein Ort der Sicherheit und Gesundheit ist. Die aktuelle Politisierung des Zuhauses verlangt daher nicht nur Investitionen in Sozialprogramme zur Bekämpfung gesellschaftlicher Schieflagen, sondern jetzt erst recht auch die Versorgung aller Menschen mit ausreichendem, gesundem und bezahlbarem Wohnraum. Darüber hinaus müssen wir uns die grundsätzliche Frage stellen, wo wir die (neuen) Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem ziehen möchten. Wie viel unseres privaten Raums möchten und können wir öffentlich machen, ohne unser Zuhause als persönlichen Rückzugsort zu gefährden?

Das Denkmal und die Demokratie

Heute ist internationaler Denkmaltag. Im Rahmen unserer Blogserie zum Wettbewerb „Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe“ möchte ich daher über den Zusammenhang von Denkmälern und Demokratie nachdenken.

Der Begriff des Denkmals versammelt zum einen historische Zeugnisse wie schützenswerte Kulturgüter, Statuen oder Monumente und zum anderen Mahnmale und Gedenkstätten, die an bestimmte Ereignisse erinnern.

Denkmäler spielen für die Demokratie eine doppelte Rolle. Erstens gehören sie zum öffentlichen Raum, in dem ein bedeutender Teil unserer Demokratie ausgehandelt wird. Sie sind historisches Kulturerbe und Sehenswürdigkeiten und daher – mit den Worten der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann – „internationale Orte der Begegnung“, die den Kontakt mit dem „Anderen“ auf mehreren Ebenen ermöglichen. Im besten Fall lernen wir also bei ihrem Besuch zum einen etwas Neues über die Vergangenheit und tauschen uns dabei zum anderen (direkt oder indirekt) mit Anderen aus. Zweitens erinnern Denkmäler an historische Gegebenheiten und geben gegenwärtigen demokratischen Diskursen einen Rahmen. Sie sind also Gedächtnisstützen, die auf ein Ereignis, eine Person oder einen historischen Zustand verweisen, somit Teil der gesellschaftlichen Erinnerungskultur und bieten Orientierung für politische und normative Aushandlungen in der Gegenwart.

Unsere politische Kultur baut auf ein Fundament, das aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit besteht: Nur die Anerkennung vergangener Verbrechen, die insbesondere zu Zeiten des Nationalsozialismus begangen wurden, ermöglicht es uns, eine plurale, tolerante und offene Gesellschaft zu pflegen. Erinnern und Gedenken sind maßgeblich für unsere kollektive demokratische Identität und helfen dabei, uns klar gegen antidemokratische Haltungen zu positionieren. Dieser demokratische Konsens, der als Grundlage für jedwede weitere gesellschaftliche Aushandlung fungiert und zur Bildung einer demokratischen Zivilkultur führt, beruht auf einem kollektiven Gedächtnis. Gegenwärtig aufkommende (verbale) Angriffe auf die Erinnerungskultur, Denkmäler und Gedenkstätten sind als Angriff auf ebendiesen demokratischen Konsens zu verstehen.

In erster Linie ermöglichen Denkmäler, die an politische und humanitäre Verbrechen erinnern, die Anerkennung des Leids der Opfer und sollten nicht politisch instrumentalisiert werden. Dennoch verlangen die Erinnerungen, die durch Denkmäler im Bewusstsein gehalten werden, nach politischen Konsequenzen in der Gegenwart. Sie verlangen danach, dass wir unsere Geschichte ernst nehmen und daraus lernen. Aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse müssen immer wieder in diese Kontexte der Vergangenheit gesetzt werden, um den demokratischen Konsens zu wahren. Denkmäler helfen dabei und bilden deshalb eine wichtige Stütze für unsere Demokratie.

Kein Ende der Fastenzeit

Egal ob christlich oder nicht – für viele von uns war der Aschermittwoch auch 2020 ein Anlass für gute Vorsätze. 40 Tage ohne Alkohol, ohne Fleisch, ohne Schokolade oder mit einer Einschränkung der Bildschirmzeit: Irgendeine Art von Verzicht schien angesagt in unserer Überflussgesellschaft. Kaum jemand hätte sich träumen lassen, dass wir am Ostersonntag mitten in einer neuen Fastenzeit sitzen: Mindestens noch bis zum 19. April verzichten wir auf soziale Kontakte, die doch eigentlich konstitutiv für unsere Vorstellung von Urbanität sind. Die Stimmen nicht mehr nur in den Feuilletons und Fachmedien mehren sich, die vor einer lang andauernden Einschränkung der Funktionsfähigkeit unserer Städte warnen.

Geschlossene Geschäfte und Restaurants, fehlende Kinobesuche und ausfallende Fußballspiele sind allerdings – ohne ihre wirtschaftlichen Folgen kleinreden zu wollen – nicht die größte Bedrohung für das urbane Leben. Im schlimmsten Fall wird die Corona-Krise innerhalb weniger Monate gesellschaftliche Ungleichheit, an deren Bekämpfung auch die integrierte Stadtentwicklung seit Jahrzehnten arbeitet, für weitere Jahrzehnte zementieren. Wie viele „Ankunftsquartiere“ sind so dicht besiedelt, dass Social Distancing zur physischen Unmöglichkeit wird? Wie viele Kinder haben Zugang zu den schleppend in Gang gekommenen digitalen Lernräumen allenfalls am Smartphone-Bildschirm des Vaters in der Küche einer zu sechst bewohnten Dreiraumwohnung? Wie viele Eltern (nicht nur) in peripheren Kleinstädten arbeiten zum Mindestlohn in nicht systemrelevanten Bereichen und werden – vielleicht mit dem Umweg über die Kurzarbeit – in die Arbeitslosigkeit geschickt?

Die notwendigen Investitionsprogramme und Konjunkturpakete könnten genutzt werden, um hier gezielt gegenzusteuern. Soziale Stadtentwicklung kann einen Beitrag zur Bedarfs- und zur Chancengerechtigkeit leisten, wenn sie entsprechend ausgestattet ist und zur politischen Priorität wird. Am Ende dieser ungeplanten Fastenzeit wird urbane Teilhabe für alle wichtiger denn je.

Sonntags, halb acht

Früher, vor Corona, fand ich den Sonntagmorgen, so gegen halb acht, eine tolle Zeit, um kurz rauszugehen, Brötchen kaufen oder so. Kaum Autos, wenig Leute auf der Straße. An der Ecke ein Zeitungsverkäufer, das war‘s. Durchatmen, die Hektik des Alltags war kurz weg. Ein besonderes Gefühl von Freiheit, Lächeln, Vorfreude auf ruhige Stunden zuhause, Zeit mit der Familie, vielleicht joggen, was lesen, spielen mit den Kindern, mal sehen. Jetzt, wo es immer Sonntagmorgen halb acht ist, finde ich das keinen besonderen Moment mehr. Oder anders: Es ist dauernd besonders aber nicht positiv, nein, von den Möglichkeiten her eher das Gegenteil. Nichts ist mehr freiwillig, sondern in einem elementaren Sinne unfrei. Die paar Leute, die ich zurzeit um „dauer-halb-acht“ auf dem Weg von zuhause zum Büro (noch darf ich ja dorthin) treffe, bewegen sich – mich eingeschlossen – in merkwürdig konvexen Bögen – voneinander weg. Einige tragen Mundschutz, andere Gummihandschuhe, manche beides. Auf halbem Weg komme ich an der Statue von Adenauer am gleichnamigen Platz vorbei. Sie ist mein Sinnbild dieser Tage. Warum? Erstmal zeigt sie Konrad Adenauer schnellen Schrittes gehend, mit wehendem Mantel in Richtung Ku’Damm. Irgendwie scheint er auf dem Weg, bloß weg hier, nicht stehenbleiben. Das passt ganz gut auf unsere Situation, denke ich. Der Grund dafür war freilich ein anderer: Adenauer war nicht sehr beliebt bei den Berliner:innen, weil er einst Bonn zur Hauptstadt machte. Das ist lange her, mittlerweile ist Berlin Hauptstadt, …Friedliche Revolution, Maueröffnung, Wiedervereinigung… All das geht mir kurz durch den Kopf. Doch da ist noch mehr: Konrad Adenauer war eben auch erster Bundeskanzler in einer Zeit, wo die Menschen hier einen Weg versuchten, debattiert, gerungen und gekämpft haben, um aus der Katastrophe nationalsozialistischer Diktatur in eine demokratisch verfasste Bundesrepublik zu finden. Föderal, vor allem frei sollte sie sein. Jeder sollte nach seiner Façon glücklich werden. Nein, ich kippe hier nicht das Kind mit dem Bade aus. Die Kanzlerin hat in ihrer Rede mehr als deutlich gemacht, dass es nur absolut ausnahmsweise und nur so lang wie nötig Beschränkungen geben kann – um Menschenleben zu retten. Dennoch zeigt Corona, wie leicht sich demokratische Grundrechte einschränken, ja abschalten lassen, um der Sache willen. Einfach so, morgens um halb acht irgendwo eine Straße entlang schlendern, Menschen begegnen – ohne Gedanken, sich auf eine Bank am Adenauerplatz zu setzen, gar neben jemanden, den ich noch nie gesehen habe. Ein Eis essen, radeln, Bus oder von mir aus Auto fahren, die Gedanken treiben lassen, mich treffen, am Platz! Mit fünf, nein zehn Freunden zur Party gehen, nachhause oder in Eile zum nächsten Termin, was soll’s. Ich kann es! Diesen Wert, öffentlichen Raum frei zu betreten, ihn zu nutzen – ja, natürlich gibt es ein paar Rechte, genau dafür: Regeln im Straßenverkehr, soziale usw. –, spüre ich dieser Tage fast schmerzlich. Egal was kommt, dieses Wertgefühl nehme ich mit: Es gibt da etwas allzu selbstverständlich gar nicht Selbstverständliches, das es zu verteidigen gilt, im demokratisch verfassten Raum am Adenauerplatz und sonst wo auf der Welt.

Das Virus, der Raum und die Demokratie

Vor gut einem Monat haben wir im Auftrag der Wüstenrot Stiftung den Wettbewerb “Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe” ausgeschrieben. In diesem Zuge haben wir auch eine kleine Blogserie angekündigt. Die aktuelle Situation ist uns etwas in die Quere gekommen. Trotz oder gerade wegen des Stillstands von Urbanität wollen wir ab nun auf unserem Blog reflektieren, wie Demokratie und Teilhabe mit Stadt und Architektur zusammenhängen.

Die Auswirkungen des Coronavirus begegnen uns überall. Das öffentliche Leben ist weitestgehend lahmgelegt. Viele der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie können nur umgesetzt werden, indem Rechte, die teils über Jahrhunderte hinweg mühsam erkämpft wurden, außer Kraft gesetzt werden: das Recht auf Versammlungsfreiheit, das Recht auf Bildung, die Reisefreiheit, das Recht auf Asyl. Ohne Frage, die Einschränkungen der Bürger*innenrechte zum Schutz tausender Menschenleben sind in der aktuellen Situation richtig und wichtig. Nichtsdestoweniger sollten wir all das nicht unhinterfragt geschehen lassen.

Die gegenwärtige Kontaktsperre lässt uns nicht nur spüren, wie wichtig unser gewohntes soziales Miteinander für unser Wohlbefinden ist. Corona zeigt uns auch, welche Bedeutung gebaute, materielle Orte und der öffentliche Raum in unserem alltäglichen Leben haben. Schulen, Jugendclubs, öffentliche Plätze, Kirchen, Theater und so vieles mehr – all das sind Treffpunkte und Lernorte für demokratische Haltung und Orientierung, die in Zeiten des Social Distancing nicht mehr erlebbar sind.

Demokratie braucht Begegnung. Demonstrationen, das Treffen im Verein, die Podiumsdiskussion an der Universität, das gemeinsame Innehalten an einem Mahnmal. Solche Begegnungen fallen nun weg. Aber auch zufällige Begegnungen kommen kaum noch vor: Kinder auf dem Spielplatz, Touristen am Brandenburger Tor, Fahrrad-, Fuß- und Autoverkehr im Straßenraum. Differenz aushalten und Konflikte aushandeln sind zentrale Momente von Demokratie. Gebaute, materielle Orte und der öffentliche Raum bieten die Voraussetzung für diese Momente. Ich hoffe, dass wir diese Orte nach Corona noch mehr zu schätzen wissen und sie mit konstruktiven Diskussionen und demokratischen Forderungen füllen.