Bundestagung "Kleinstädte in Deutschland"

Bundestagung „Kleinstädte in Deutschland“

Viele Wochen haben wir konzipiert, organisiert und produziert, was das Zeug hält, bis es am Freitag endlich hieß: Herzlich willkommen zur Bundestagung „Kleinstädte in Deutschland“ des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen! Mit knapp 20 Mitwirkenden vor Ort (natürlich coronakonform) und über 150 Zuschauer:innen vor den Bildschirmen zuhause war es eine Hybridveranstaltung im großen Stil. In der Durchführung digitaler und halbdigitaler Formate sind wir mittlerweile geschult; neu hingegen waren die interaktiven Tools, mit denen wir das Publikum aktiv beteiligt haben. Die Liveumfragen, deren Ergebnisse in die Gesprächsrunden einflossen, und eine Plattform, die den persönlichen Austausch an digitalen Thementischen ermöglichte, waren eine große Bereicherung. Das führen wir nicht nur in der Pilotphase Kleinstadtakademie gerne fort!

Es war ein spannender Tag, der nicht nur Bekanntes bestätigt und Neues aufgezeigt, sondern uns wieder einmal in unserer integrierten Perspektive bestätigt hat. Etwa gehört die Digitalisierung zu den großen Zukunftsaufgaben in Kleinstädten. Dass dabei spezifische Wege eingeschlagen werden müssen, wissen wir auch aus unserer Fachgutachtertätigkeit zu den Modellprojekten Smart Cities. Gleichzeitig zählt die Innenstadtbelebung zu den akuten Herausforderungen in vielen Kommunen. Strategien der Innenentwicklung, die an der Eigenlogik von Kleinstädten ansetzen, haben wir vor einiger Zeit in einer Arbeitshilfe festgehalten. Und last but not least: Kleinstädte stellen wichtige Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Orte der Demokratie und Teilhabe sind dort daher von besonderer Bedeutung – eine Beobachtung, die wir schon im Rahmen des Wettbewerbs „Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe“ gemacht haben.

Livestream verpasst? Die Aufzeichnung stellen wir bald zur Verfügung. Auf www.kleinstadtakademie.de berichten wir über alle weiteren Projektschritte. Stay tuned!

Publikation zum Forschungsprojekt „Green Urban Labs“

Wie kommt mehr Grün in die Stadt? Drei Jahre haben wir gemeinsam mit gruppe F Freiraum für alle GmbH zu dieser Frage geforscht. Es war super spannend, die Prozesse in den Modellvorhaben zu beobachten! Mut zum Experiment, eine offene Haltung und Dialogbereitschaft kombiniert mit planerischer Expertise und Geschick waren dort oft der Schlüssel zum Erfolg.

In der Publikation beschreiben wir die Arbeit der Modellvorhaben näher und beleuchten die Begriffe „Grüne Infrastruktur“, „Multicodierung“ und „Umweltgerechtigkeit“. Ein zentrales Learning dabei: Die sozialen Aspekte von Grün spielen stets eine besondere Rolle. Abgeleitet aus diesen Erkenntnissen haben wir zwölf Strategien für Kommunen, die Grün in ihrer Stadt fördern wollen, formuliert – egal, ob es um stadtweite Vorhaben oder die Revitalisierung einzelner (Brach)Flächen geht.

Interesse an einer Druckausgabe? Dann schreib uns eine Mail an post@urbanizers.de, wir haben ein paar Exemplare im Büro. Die digitale Version findet ihr hier.

 

Charta für das Berliner Stadtgrün

Frischer Wind für die Charta für das Berliner Stadtgrün

Am 11. November appellierten acht Berliner Verbände – darunter der bdla Berlin‐Brandenburg, der BUND Berlin, die DGGL Berlin‐Brandenburg, der FGL Berlin und Brandenburg, die Grüne Liga Berlin, die NaturFreunde Berlin e. V., die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN) sowie die Architektenkammer Berlin – in einem offenen Brief an das Berliner Abgeordnetenhaus für die Umsetzung der Charta für das Berliner Stadtgrün. Das Land Berlin antwortete Ende letzten Jahres im neuen Koalitionsvertrag für Berlin mit dem offiziellen Beschluss der Charta.

Die Charta ist eine Selbstverpflichtung des Landes und enthält zahlreiche Maßnahmen, mit denen die grüne Infrastruktur der Stadt gestärkt werden kann. Schon im Entwicklungsprozess der Charta haben wir immer wieder betont, wie wichtig der politische Beschluss für das Instrument ist. Ohne diesen bleibt das stadtweite Programm ein reines Lippenbekenntnis. Wir freuen uns daher sehr, dass die Entwicklung der grün-blauen Infrastruktur, die Verbesserung der Pflege des Stadtgrüns, die Anpassung an den Klimawandel und der Erhalt der Artenvielfalt in Berlin 2022 frischen Wind bekommen.

6 Wochen, 6 Veranstaltungen, 6 Erkenntnisse

Ende September hat uns das Bezirksamt Hamburg-Altona mit der Durchführung des Beteiligungsprozesses zum Projekt „freiRaum Ottensen“ beauftragt. Der Zeitplan war straff: Bis Ende des Jahres sollten wir sechs unterschiedliche Beteiligungsformate durchführen. Also sind wir zwei Tage durch Ottensen gelaufen und sind mit über 100 Gewerbetreibenden ins Gespräch gekommen. Wir haben unzählige Kitas und Schulen abtelefoniert, um Interessierte für unseren Kinder- und Jugendworkshop zu gewinnen, und wir haben eine lebhafte, kreative und interessante Diskussion mit mobilitätseingeschränkten Personen zu ihren besonderen Bedarfen an Stadtraum geführt. Schließlich mussten wir – mitten in der aufkommenden 4. Welle der Corona-Pandemie – im Eilverfahren die in Präsenz geplante Infoveranstaltung mit anschließendem Workshop in ein digitales Format umwandeln, um sie trotz allem doch noch durchführen zu können. Wir müssen im Archiv kramen, aber Projekte mit einer solchen Dynamik haben wir selten, vielleicht auch nie, bearbeitet. Was nehmen wir mit?

  1. Arbeiten in Hamburg macht Spaß – Es ist erst unser zweites Projekt in der Hansestadt und wir kommen gerne wieder!
  2. Die Mobilitätswende und insbesondere die Verbindung von Mobilität und Stadtraumgestaltung ist ein Urbanizers-Herzensthema. Hier können wir es das erste Mal in diesem Umfang mitgestalten.
  3. Prozesse gestalten, beraten, weiterentwickeln: Beteiligung und Planung zu verschränken und nicht hintereinander abzuwickeln war eine Idee von Urbanizers. Das Bezirksamt ist hier mutig unseren Ideen gefolgt – wir denken, es hat sich gelohnt.
  4. Wie erreichen wir Personen, die als „schwer erreichbar“ gelten? Diese Frage stellen wir uns oft. Hier konnten wir feststellen: Zielgruppenspezifische Beteiligung ist herausfordernd und braucht kreative Ideen. Aber sie lohnt sich!
  5. Projektmanagement fast forward: Das übernächste Format konzipieren, während das erste noch nicht durchgeführt ist, die Dokumentation der letzten Veranstaltung fertigstellen, während für die nächste schon die Checklisten entstehen. Den Überblick über Inhalte und Zeitpläne zu behalten war eine besondere Herausforderung – aber es geht! Die Projektleiterin bedankt sich herzlich bei ihrem Team für die effiziente und gute Arbeit!
  6. Analog, digital, egal: Fast zwei Jahre Pandemie stecken uns zwar allen in den Knochen, aber was unsere Kompetenz in digitalen Formaten und unsere Flexibilität diese kurzfristig zu entwickeln angeht, sind wir über uns hinausgewachsen.

Mehr Infos zum Projekt: www.freiraumottensen.de

Hallo vom Nordufer!

Hallo vom Nordufer

Rasender Stillstand – die von Paul Virilio 1990 formulierte Zustandsbeschreibung der Gesellschaft hat seit 2020 eine unerwartete Renaissance erfahren. Auch wir bei Urbanizers konnten uns der Gleichzeitigkeit vom Wettlauf gegen die Zeit in der Umsetzung unserer Projekte und der lähmenden Schwere immer neuer Lockdowns und persönlicher Einschränkungen nicht entziehen. Der Spaß an Vor-Ort-Veranstaltungen in Apolda, Berlin, Hamburg, Potsdam und andernorts, die Abende am Grill oder mit geistigen Getränken im Garten unseres neuen Domizils am Nordufer, die zunehmende Übung und Experimentierfreude im Umgang mit digitalen Formaten, die Integration neuer Kolleg:innen ins Team, die Stabilisierung unseres neuen Führungsmodells, die Erschließung der Smart City als neues Arbeitsfeld: Wir haben eine Menge guter Sachen gemacht. Geredet darüber haben wir allerdings meist nur im Team oder mit den Auftraggeber:innen. Deswegen ist es hier auf dem Blog und auf unserem Instagram-Account still geworden, während das Jahr 2021 an uns vorbeiraste. Die auftragsbezogene Kommunikation war manchmal schwer genug aufrechtzuerhalten, selbstmotivierte Kommunikation hat uns überanstrengt. Man muss auch mal Katzenvideos gucken. Stay tuned.

Tschüss, Xanti!

So ganz genau kann ich nicht mehr zählen, wie oft das Firmenfahrzeug in den letzten Tagen in Richtung BSR in Bewegung gesetzt worden ist. Jedenfalls bin ich ausnahmsweise mal doch ganz froh, dass wir uns immer noch nicht entschließen konnten, ganz aufs Lastenrad umzusteigen. Zehn der zwölf Schreibtische sind leer, auf den verbliebenen zwei stapelt sich Büromaterial. Der Mitgeschäftsführer hält per digitaler Telefonanlage die ersten Termine am Nordufer ab.

Nach einem knappen Jahr Pandemie, mobilen Arbeitens und unzähliger Videokonferenzen kommt am Freitagmorgen der Umzugswagen. Und bringt das, was wir von zwölf Jahren Firmengeschichte mitnehmen wollen, sechs Kilometer nordwärts.

Es ist eine ganze Menge. Erstmals wirklich systematisiert und durchsortiert benötigt unsere Bibliothek immer noch über 20 Kisten, von denen ich hoffe, dass das Umzugsteam sie schleppen kann. Zum Glück geht es vom Erdgeschoss ins Erdgeschoss. 20 weitere Kisten brauchten wir, um die Projektakten zu verpacken. Die meisten Kolleg:innen waren allerdings erfolgreich bei den Bemühungen, ihre persönlichen Arbeitsmaterialien auf einen Karton zu reduzieren. Kein Wunder – das monatelange Pendeln zwischen Büro und häuslichem Arbeitsplatz hat uns alle gelehrt, dass fast alles, was wir zum Arbeiten brauchen, aufs Laptop und in den eigenen Kopf passt.

Wozu dann überhaupt noch ein eigenes Büro? Noch dazu eins, das fast ein Drittel größer ist als das jetzige? Das einen eigenen Garten hat, in dem sich – ebenfalls – fast ein Drittel der Kolleg:innen auf eigenen oder kollektiven Hochbeeten austoben möchte? Das über kurz oder lang mit eigener Bar und einem anständigen Herd (allerdings nicht mit einem Kicker) ausgestattet werden soll? Können wir nicht unser Geschäft rund um den urbanen Raum auch von zuhause, aus dem Café oder dem Zug erledigen? Die digitalen Räume, in denen wir uns immer souveräner bewegen, funktionieren schließlich gar nicht schlecht, solange die mBit-Zahlen stimmen.

Der französische Anthropologe Marc Augé gehört zu denen, die den Begriff des Ortes eng mit dem der Identität verknüpfte. Das ehemalige Gasthaus am Spandauer Schifffahrtskanal ist in den letzten Wochen schneller als gedacht zum Fixpunkt für ein über die ganze Stadt (und weiter) verteiltes Team geworden. Raum erforschen, Raum verhandeln, Raum gestalten – alles, was zu unserer Corporate Mission gehört und damit unsere Corporate Identity prägt, braucht bis zum Beweis des Gegenteils den konkreten Ort.  Ab in den Norden!

Regierungsbauten könnten Grün vertragen

Praktikum bei Urbanizers. Ich war schon einige Male in der Hauptstadt, doch ihre Größe hatte ich dann doch unterschätzt. So kam es, dass ich am Ostkreuz wohnte und jeden Tag quer durch die Stadt ins Büro nach Wilmersdorf fuhr. Die 15 Kilometer lange Fahrradstrecke erwies sich im winterlichen Stadtverkehr auf Dauer etwas ungemütlich. Dass ich deshalb auf die S-Bahn umstieg, war zwar gerade in Corona-Zeiten nicht unbedingt das Angenehmste. Die tägliche Sightseeingtour entlang der Ost-West-Achse machte jedoch einiges wieder gut.

In meinem Praktikum bei Urbanizers begegnete ich dem Thema Urbanes Grün. Mit urbanem Grün sind in Städten „alle Formen grüner Freiräume und begrünter Gebäude“ gemeint. Es hat viele Funktionen und Potenziale, etwa die Verbesserung des Stadtklimas, die Sicherung des Lebensraums von Tieren und Pflanzen und es trägt zu einem gesunden und zufriedenstellenden Lebensumfeld für Bewohner:innen bei. Urbanizers forscht und arbeitet in vielen Projekten zu diesem Thema, etwa bei der Umsetzung des „Weißbuch Stadtgrün“, das zehn „konkrete Handlungsempfehlungen und Umsetzungsmöglichkeiten des Bundes für mehr Grün in unseren Städten“ beinhaltet. Als fünfte Maßnahme wird darin die Begrünung von Bauwerken genannt. Diese hilft, die Folgen des Klimawandels zu mindern, indem sie zur Vernetzung urbaner Grünflächen beiträgt, Biodiversität und Artenvielfalt schützt und so auch das städtische Klima positiv beeinflusst. Als neunter Punkt wird das Ausbauen der Vorbildfunktion des Bundes genannt. Der Bund als größter Immobilieneigentümer Deutschlands birgt großes Potenzial, mit gutem Beispiel vorauszugehen. Es gibt bereits den „Leitfaden Nachhaltiges Bauen“ des Bundes und als Ergänzung dazu auch das BNB, das Bewertungssystem des nachhaltigen Bauens, die in der Regel bei öffentlichen Bauvorhaben angewendet werden.

Während meiner Zeit in Berlin begann ich verstärkt darauf zu achten, wo die verschiedenen Aspekte des urbanen Grüns in der Stadt zu sehen sind. Meine täglichen S-Bahnfahrten führten mich etwa auch am Regierungsviertel vorbei. Das Regierungsviertel ist nicht „ungrün“, dort wurden von 1999 bis 2001 zum Beispiel 600 Spree-Eichen gepflanzt. Doch die Bauten selbst spiegeln die Begrünungsziele des Bundes noch nicht wider. Das Kanzler:innenamt ist zum Teil begrünt und das ist super, doch auch der größte Teil des Gebäudes zeigt nackte Wände. Die Begrünung der Bauwerke im Regierungsviertel ist also noch stark ausbaufähig.

Wenn ein Bauwerk begrünt wird und nicht nur seine Umgebung, wird es selbst zu einem Bestandteil der urbanen Grünlandschaft. Außerdem ist es auffällig, wenn Grün nicht nur auf dem Boden, sondern auch an und auf Gebäuden zu sehen ist. Es führt allen das Ausmaß der Maßnahmen vor Augen, die notwendig sind, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Wenn Orte mit einer starken Wirkung und einer großen Bedeutung wie das Berliner Regierungsviertel damit anfangen würden, wäre das ein wichtiges Signal. Dass die Vorbildfunktion des Bundes ausgebaut werden soll und dies auch im Weißbuch festgehalten wird, ist deshalb ein sehr guter Ansatz.

Durch mein Praktikum bei Urbanizers und meine täglichen S-Bahnfahrten habe ich einen anderen Blick auf die Stadt entwickelt. Ich habe ganz bewusst nach urbanem Grün Ausschau gehalten, habe es an einigen Stellen in großem Umfang gefunden und an anderen vermisst. Urbanes Grün und vor allem die Begrünung von Bauwerken bleibt ein Themenfeld, in dem es noch viel zu tun gibt. Aber wer weiß: Vielleicht können die S-Bahn-Passagiere und auch alle anderen ja eines Tages einen begrünten Reichstag bestaunen.

Partizipation und Austausch in Zeiten von Corona

Ein Webinar der Berliner Energietage, eine Vorlesung per Zoom, ein Feierabendbier mit Freunden bei Skype. In Windeseile wurden diese Formen der Kommunikation zum neuen Standard. Das galt und gilt auch für unseren Arbeitsalltag bei Urbanizers. Doch nicht nur teamintern, sondern auch im Rahmen unserer Forschungs- und Partizipationsprojekte beschäftigen wir uns intensiv mit digitalen Formaten.

Auch wenn diese Suche nach alternativen Wegen für Beteiligung und Austausch zunächst eher unfreiwillig geschah, sehen wir sie mittlerweile als Chance. Sie hilft uns – auch nach Ende der Pandemie – unsere Palette an Angeboten zu erweitern.

In den vergangenen Wochen haben wir zahlreiche digitale Formate adaptiert, zum Teil selbst entwickelt und auch durchgeführt. Unsere Erfahrungen sind vielseitig: Eine digitale Beiratssitzung mit elf Teilnehmenden, die zuvor gut gebrieft wurden, klappt gut. Regeln der Kommunikation sind schnell eingeübt. Die Diskussionen sind zwar kürzer, dafür aber sehr diszipliniert und konzentriert. Auch eine zwanzigminütige Online-Präsentation mit Diskussion im Stadtrat einer Gemeinde funktioniert. Hier kommt hinzu, dass stundenlange An- und Abreisen entfallen. Dies fördert effektives und produktives Arbeiten und stellt nebenbei einen klaren Gewinn an Lebenszeit dar.

Bei größeren Formaten mit vielen Teilnehmenden, die etwa eine Partizipationsveranstaltung ersetzen sollen, ist es wichtig, dass möglichst alle Menschen das technische Equipment und auch Know-How besitzen, um teilnehmen zu können. Vorteil dieser Formate ist, dass bestimmte Menschen der Zielgruppe sogar besser eingebunden werden können. Etwa zeitlich sehr ausgelastete Alleinerziehende, Berufstätige, Hochaltrige sowie Menschen mit Behinderung.

Mit den Lockerungen konzentrieren wir uns nun auch auf hybride Formate. Einladung und Infomaterial werden vorab online oder postalisch versendet, eine Befragung digital durchgeführt. Die eigentliche Veranstaltung findet dann aber live – beispielsweise draußen – mit Mund-, Nasenschutz und unter Einhaltung der Abstandsregeln in Kleingruppen statt. Auch hier haben wir gute Erfahrungen in Gießen und Hamburg gemacht.

Uns helfen diese gemachten Erfahrungen zu erkennen, wie wir zukünftig mehr Menschen differenzierter einbinden können. Dem oft kritisierten Exklusiven von Beteiligungsveranstaltungen, bei denen immer wieder nur die „üblichen Verdächtigen“ auftauchen und zu Wort kommen, hoffen wir besser entgegen wirken zu können. Die leisen, vor allem aber ansonsten ungehörten Stimmen werden hörbar. Was allerdings unsere privaten und beruflichen Kontakte angeht, hoffen wir natürlich uns bald wieder mehr persönlich austauschen zu können.

 

Marie Köhler, 11.08.2020

Laubengänge oder vom Gelingen ungeplanter Begegnungen II

Die Highdecksiedlung mit ihren Fußgänger:innenhochstraßen ist ein Beispiel dafür, wie die Planung von Flächen für ungezwungene und spontane Begegnungen scheitern kann. In meinem Wohnblock scheint die Idee hingegen zu funktionieren. Aber welche Faktoren tragen dazu bei, dass ein solches Konzept den Realitäts-Check besteht oder nicht?

Sicherlich spielt die Aneignung der Bewohner:innen eine große Rolle. Das schließt zum einen Regeln zur Nutzung seitens der Vermietungsgesellschaft ein – also ob der Bewohnerschaft die Möglichkeit gegeben wird, die Räume mitzugestalten. Zum anderen funktioniert die Aneignung dieser Räume nur über den Gestaltungswillen der einzelnen Bewohner:innen. Der erste Faktor – die Vorgabe seitens der Wohnungsgesellschaft – unterscheidet sich stark zwischen der Highdecksiedlung und meinem Wohnblock. Während in ersterer (inzwischen) im Grunde alle Freizeitaktivitäten untersagt werden, gibt es keinen Regelkatalog für unsere Laubengänge. Den zweiten Faktor – den Gestaltungswillen der Bewohner:innen – kann ich nur schwer beurteilen. Sowohl in der Highdecksiedlung als auch in meinem Wohnblock zogen die neuen Mieter:innen jeweils relativ zeitgleich ein, sodass es keine Unterscheidung zwischen Neu-Zugezogenen und Alt-Eingesessenen gab. Alle sind „neu“ hier. Auch die anfängliche Bewohner:innenstruktur beider Nachbarschaften dürfte vergleichbar (gewesen) sein. Viele Mieter:innen in meinem Block sind junge Familien oder Paare sowie unkonventionell zusammengesetzte Wohngemeinschaften. Auch zur Fertigstellung der ersten Wohnungen der Highdecksiedllung im Jahr 1976 zogen zahlreiche junge Familien ein, für die ihre Wohnung in der Siedlung die ersten eigenen vier Wände bedeuteten. Das nachbarschaftliche Verhältnis in den 1970er und frühen 1980er Jahren wurde dort als sehr positiv bewertet. Zudem hätten sich alle gekannt. Hatten also die Fußgänger:innenhochstraßen in der Highdecksiedlung anfangs doch einen Effekt auf die Nachbarschaft und die Interaktion zwischen den Bewohner:innen?

Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich die Nutzung und Frequentierung in unseren Laubengängen entwickeln wird. Momentan habe ich den Eindruck, dass diese halb öffentlichen, halb privaten Räume einen zentralen Platz im Alltag vieler Bewohner:innen einnehmen. Bestimmt auch deshalb, weil sie neben der bloßen Funktion als Erschließungsraum zusätzlich als Balkone und Terrassen genutzt werden. Im Laufe der nächsten Jahre wird sich die Pflanzenpracht sicherlich immer mehr entfalten; das Laubenganggitter ist wie für Rankpflanzen gemacht. Dadurch wird sich bestimmt das Erscheinungsbild im Vergleich zu heute verändern: Die Flächen vor den Wohnungen sind dann weniger einsehbar, wodurch sich der Nutzungscharakter womöglich anpassen wird.

Laubengänge oder vom Gelingen ungeplanter Begegnungen

Für mein Praktikum bei Urbanizers und mein anschließendes Masterstudium bin ich aus dem beschaulichen Weimar in das herausfordernde Berlin gezogen. Dieser Schritt ist für mich der Übergang aus dem Laboratorium Universität in den praktischen Kosmos Büro. Zumindest vorerst.

Zur Zwischenmiete wohne ich in einem erst kürzlich fertig gestellten Neubau in Neukölln. Der Bau orientiert sich zum einen an der klassischen Berliner Blockrandbebauung und integriert zum anderen die veränderten Anforderungen an das Wohnen durch offen gestaltete Grundrisse. Zentrales Element des Blocks ist die Erschließung über Laubengänge. Momentan sind sie noch ziemlich karg – es wurden überwiegend Sichtbeton, Stahlgitter und Wellblech als Außenmaterialien verwendet. Aber nach und nach gestalten die neuen Bewohner:innen die Bereiche auf ihrem eigenen Teilstück des Laubengangs: Schon die eine oder andere Hollywoodschaukel, eine Essenstafel, Sitzsäcke und unzählige Pflanzen haben ihren Weg auf die Außengänge gefunden. Die Mehrzahl aller Wohnungen ist ausschließlich über den Weg der Laubengänge erschlossen. Häufig müssen die Bewohner:innen somit an zwei bis drei „fremden“ Wohnungen vorbei, bis sie ihren eigenen Wohnungseingang erreicht haben.

Und was ereignet sich in diesen Zwischenräumen? Kommt es tatsächlich zum erhofften Austausch zwischen den Mieter:innen? Werden die Laubengänge als erweiterter Wohnraum verstanden oder lediglich als Erschließungsräume genutzt?

Ein Seitenblick: Etwa vier Kilometer südöstlich meines Wohnblocks liegt die Highdecksiedlung. Mehr oder weniger zufällig bin ich durch Recherchen bei Urbanizers auf diese besondere Wohnsiedlung aus den 1970ern gestoßen. Markant für die Siedlung ist die konsequente Umsetzung der „autogerechten Stadt“.* Dieses Leitbild gehörte seit Beginn der Massen-Mobilisierung in den 1950er Jahren zu den richtungsweisenden Prinzipien der Stadtentwicklung. In der Highdecksiedlung erweiterten die beiden Architekten Oefelein und Freund dieses Leitbild in Richtung einer zugleich fußgänger:innengerechten Stadt. Die flächendeckende Stapelung der beiden Verkehrsebenen war damals einzigartig und auch heute findet sich noch wenig Vergleichbares. Die Idee bei der Gestaltung der Fußgänger:innenebene (Highdecks) war dabei folgende: Die Highdecks sollten zugleich Erschließungsraum und Kommunikationsbereich sein. Sitzgruppen, Spielgeräte und abwechslungsreiche Bepflanzung sollten eine gelöste Atmosphäre des nachbarschaftlichen Austauschs fördern. Die beiden Architekten sahen zudem die Gestaltung der Highdecks und der gemeinschaftlichen Grünflächen durch die Bewohnerschaft vor. Zunächst sollten die Bewohner:innen eine Auswahl aus einem Katalog möglicher Nutzungen treffen. Nach einer „Zeit der Identifikation“ hätten die Freiräume dann entsprechend der herausgebildeten Bedürfnisse verändert werden können. So vermerkten die beiden Architekten: „Highdeck und Freiflächen stellen sich als offene Zone dar, die Nutzungen für einen heute noch nicht definierten Bedarf an Gemeinschafts-Einrichtungen innerhalb wachsender Freizeitansprüche aufnehmen können.“ Allerdings wurde dieses Konzept nie umgesetzt; insbesondere bei der Außengestaltung der Siedlung wurden erhebliche Abstriche gemacht, da sie scheinbar vonseiten der Wohnungsbaugesellschaft GSW als eher unwichtig erachtet wurde.

Bei meiner kleinen Exkursion in die Highdecksiedlung hatte ich den Eindruck, dass die Highdecks kaum genutzt werden. Vermutlich auch deshalb, weil sie kaum gestaltet sind und weil fast jegliche Aktivität darauf verboten ist. Von Grillen bis hin zu Fußballspielen ist laut Verbotsschild nichts erlaubt. Was also tun auf den Hochstraßen, die ohnehin für die Erschließung nicht (mehr) notwendig sind? Die Mieter:innen können nämlich von der Erdgeschossebene aus, die ursprünglich ausschließlich den Autos vorbehalten war, direkt in die Hauseingänge gelangen – ohne dabei die Highdecks zu benutzen. Außerdem scheint das Fußgänger:innenwegenetz völlig überdimensioniert im Verhältnis zum eigentlichen Bedarf.

Zurück in meinem Wohnblock: Neben der alltäglichen Nutzung als erweiterte Wohnfläche hat sogar schon ein Open-Air-Kino im Innenhof des Wohnblocks stattgefunden. Viele der Bewohner:innen saßen auf ihren Laubengängen und haben gemeinsam einen auf die Hauswand projizierten Film angesehen. Für mich spielt der Laubengang außerdem noch eine besondere Rolle: Mein Zimmer ist relativ klein und dunkel. Deshalb genieße ich es besonders, meinen Feierabend und die Wochenenden auf unserer Laubengang-Terrasse zu verbringen. Dieser Ort trägt also maßgeblich zu meiner Lebensqualität und zu meinem Wohlbefinden bei.

*siehe dazu auch die Studienarbeit „Highdecksiedlung und Rollbergviertel – Zwei Wohnkonzepte der 1970er Jahre“ an der Universität der Künste Berlin im Studienjahr 2005-2006, unter https://archive.vn/20130206180902/http://siebzigerjahre.laufwerk-b.de/seminarbeitraege-referate/highdecksiedlung-rollbergviertel/ , zuletzt aufgerufen am 29.06.2020