Das Virus, der Raum und die Demokratie

Vor gut einem Monat haben wir im Auftrag der Wüstenrot Stiftung den Wettbewerb “Gebaute Orte für Demokratie und Teilhabe” ausgeschrieben. In diesem Zuge haben wir auch eine kleine Blogserie angekündigt. Die aktuelle Situation ist uns etwas in die Quere gekommen. Trotz oder gerade wegen des Stillstands von Urbanität wollen wir ab nun auf unserem Blog reflektieren, wie Demokratie und Teilhabe mit Stadt und Architektur zusammenhängen.

Die Auswirkungen des Coronavirus begegnen uns überall. Das öffentliche Leben ist weitestgehend lahmgelegt. Viele der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie können nur umgesetzt werden, indem Rechte, die teils über Jahrhunderte hinweg mühsam erkämpft wurden, außer Kraft gesetzt werden: das Recht auf Versammlungsfreiheit, das Recht auf Bildung, die Reisefreiheit, das Recht auf Asyl. Ohne Frage, die Einschränkungen der Bürger*innenrechte zum Schutz tausender Menschenleben sind in der aktuellen Situation richtig und wichtig. Nichtsdestoweniger sollten wir all das nicht unhinterfragt geschehen lassen.

Die gegenwärtige Kontaktsperre lässt uns nicht nur spüren, wie wichtig unser gewohntes soziales Miteinander für unser Wohlbefinden ist. Corona zeigt uns auch, welche Bedeutung gebaute, materielle Orte und der öffentliche Raum in unserem alltäglichen Leben haben. Schulen, Jugendclubs, öffentliche Plätze, Kirchen, Theater und so vieles mehr – all das sind Treffpunkte und Lernorte für demokratische Haltung und Orientierung, die in Zeiten des Social Distancing nicht mehr erlebbar sind.

Demokratie braucht Begegnung. Demonstrationen, das Treffen im Verein, die Podiumsdiskussion an der Universität, das gemeinsame Innehalten an einem Mahnmal. Solche Begegnungen fallen nun weg. Aber auch zufällige Begegnungen kommen kaum noch vor: Kinder auf dem Spielplatz, Touristen am Brandenburger Tor, Fahrrad-, Fuß- und Autoverkehr im Straßenraum. Differenz aushalten und Konflikte aushandeln sind zentrale Momente von Demokratie. Gebaute, materielle Orte und der öffentliche Raum bieten die Voraussetzung für diese Momente. Ich hoffe, dass wir diese Orte nach Corona noch mehr zu schätzen wissen und sie mit konstruktiven Diskussionen und demokratischen Forderungen füllen.

Kinder- und Jugendbeteiligung auf Augenhöhe?

Während Beteiligung allgemein deutlich an Stellenwert gewonnen hat und zunehmend im Bewusstsein von Politik und Verwaltung verankert ist, werden junge Menschen in der Stadtplanung oft vergessen. Kann sich das ändern? Darüber diskutierten am 19. Februar Vertreter*innen aus Sozialarbeit, Forschung, Polizei, Verwaltung und Planung in der Stadtwerkstatt am Alexanderplatz. Das Projekt INERSIKI hatte zum Fachaustausch „Lebenswelt Stadt – Kinder und Jugendliche zwischen Nutzung, Aneignung, Verdrängung und Sicherheit im öffentlichen Raum“ eingeladen.

Neben Fragen der „städtebaulichen Kriminalprävention“ und der Ambivalenz des Sicherheitsgefühls von Kindern und Jugendlichen stand die Frage der Beteiligung auf Augenhöhe im Fokus der Veranstaltung. Hier herrschte weitgehende Einigkeit: Die Einbindung junger Menschen in Planungsprozesse werde meist leider stark vernachlässigt. Und das, obwohl sie rechtlich vielseitig verankert ist. In der UN-Kinderrechtskonvention (Artikel 12), dem Sozialgesetzbuch (§ 8), dem Baugesetzbuch (§ 3) – die Berücksichtigung und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in alle sie betreffenden Entscheidungen taucht in einer Reihe von Gesetzestexten auf. Es mangelt jedoch an einer kontrollierenden Instanz und an Konsequenzen bei Nichtbeachtung.

Aus den Reihen der Sozialarbeiter*innen kam zudem Kritik über die Formate, welche für die Partizipation gewählt werden. Allzu oft seien Ansätze paternalistisch (siehe Untertitel) oder einseitig. Für eine adäquate Einbindung von Minderjährigen müsse man sich vor allem Zeit nehmen. Einmalige Workshops zu einem festen Zeitpunkt mit klarem Ergebnisziel führten nur zu einem oberflächlichen Eindruck, welcher den komplexen Ansprüchen unterschiedlicher Altersgruppen und Cliquen nicht gerecht werden könne. Gefragt sei ein offenes Ohr an ganz verschiedenen Orten und Raum für informelle Gespräche auf Augenhöhe.

Dafür fehlen in der Planung jedoch leider oft die finanziellen Mittel und der Wille. Dabei werden die Kosten durch die langfristig zu erwartenden positiven Effekte deutlich relativiert: Identifikation mit dem Lebensumfeld, demokratische Legitimierung der Planung, Generationengerechtigkeit und eine Passgenauigkeit der Angebote, mit der Fehlplanungen und damit unnötige Kosten vermieden werden können. Nicht zuletzt bieten auch konfliktreiche Prozesse die Chance, Jugendliche der politischen Bildung näherzubringen und damit Politikverdrossenheit frühzeitig vorzubeugen. Wer Demokratie lernen soll, muss Demokratie erleben!

Mit diesem Plädoyer kehre ich gerne zurück ins Büro, um den Stimmen junger Menschen auch weiterhin und zukünftig noch mehr Gehör zu verschaffen.

Mehr Theater für Karlshorst

Vier Nachmittage habe ich dieses Jahr im Bühnenturm des Theaters Karlshorst verbracht. Nein, ich habe nicht den geheimen Wunschtraum, Schauspielerin oder Bühnentechnikerin zu werden. Ich durfte im Auftrag der Stiftung Stadtkultur einer Aufgabe nachgehen, die ich auch im Rahmen der Urbanizers-Projekte häufig übernehme: Werkstattmoderation. Allerdings hat die Stiftung von der Einladung der Diskussionsteilnehmer*innen über die inhaltliche Vorbereitung bis hin zum Catering alles, was zu einer gelungenen Veranstaltung gehört, selbst gemacht. Solche Gastmoderationen übernehme ich ausgesprochen gerne. Sie bedeuten eine andere Form der Verantwortung als in unseren eigenen Projekten.

Das Theater Karlshorst braucht eine neue Identität, es muss schrittweise denkmalgerecht saniert werden und soll sich in den nächsten Jahren als neuer Kulturort für Kiez und Gesamtstadt etablieren. Da kulturelle Orte Impulsgeber für urbanes Leben sind, hat das eine Menge mit Stadtentwicklung zu tun. Doch nicht nur aufgrund des thematischen Bezugs zur Arbeit von Urbanizers hat mir die Moderation großen Spaß gemacht. Denn es war beeindruckend, was in den Werkstattgesprächen alles entwickelt wurde und das Leitbild für das Theater nun bereichert. So hat die Vision der Stiftung für das Theater zahlreiche gewichtige Stimmen der Berliner und bundesweiten Kulturlandschaft nach Karlshorst geholt. Viele von ihnen waren vom ersten Theaterbau, der in Deutschland nach 1945 entstanden ist, so begeistert, dass sie spontan Projektideen entwickelten. Ginge es nach den Beteiligten der vier Werkstätten, könnte schon Anfang 2020 eine Interimsnutzung starten. Die wird zwar noch ein paar Monate auf sich warten lassen. Aber ich bin froh, an ihrer Vorbereitung mitgewirkt zu haben und bleibe gespannt, wie sich der Ort entwickeln wird.

Dialog Hermannplatz

Dass sich Arbeits- und Privatleben nicht immer so einfach voneinander trennen lassen, ist allseits bekannt. Unlängst zeigten mir meine Erfahrungen zum Umbau des Karstadtgebäudes am Neuköllner Hermannplatz, wie sehr das auch für die Stadtentwicklung gilt.

Als Mitarbeiter von Urbanizers sind Konzeption und Moderation von Beteiligungsverfahren Teil meines Arbeitsalltags. Als Berliner engagiere ich mich in solchen jedoch auch als Bürger. Dieser Perspektivenwechsel stellt für mich einen spannenden Mehrwert dar.

Beim Umbau des Karstadtgebäudes nun, geht es eigentlich um einen Neubau. Und das regt viele auf, die darin nur Profitinteresse oder Ressourcenverschwendung der österreichischen Immobilienaktiengesellschaft Signa sehen.

Ich selbst sehe das ambivalent. Als Wahl-Neuköllner sind mir Gebäude und Platz eng ans Herz gewachsen. Veränderung deshalb lieber nicht! Fachlich betrachtet wiederum erscheint diese Abwehrhaltung durchaus einfältig, denn Veränderung kann auch Verbesserung bedeuten. Zu fragen wäre jedoch, wie diese gerecht und sozial verträglich gestaltet werden kann, ob ehrliche Beteiligung unter dem Einfluss eines privaten Investors überhaupt möglich ist oder was ein Beteiligungsverfahren, das so spät nach Planungsbeginn gestartet wurde, überhaupt leisten kann.

Aufgegriffen wurden diese Fragen auch von einer kürzlich gegründeten Nachbarschaftsinitiative. Mit Signa reden wolle man jedoch prinzipiell nicht. Doch während Signa derzeit Sprechstunden veranstaltet und besagte Initiative Protestaktionen plant, wäre aus meiner Sicht genau das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Tatsächlich müsste ein solcher Dialog jedoch von einem Außenstehenden moderiert werden, womit wir wieder bei meiner eigenen Arbeit wären.

Es bleibt aktuell offen, wie sich die Lage entwickeln wird. Ich bin daher gespannt, wie es weiter geht am Hermannplatz und das sowohl aus persönlicher als auch aus fachlicher Sicht.

#NichtMeinErbe

Ab 12 Uhr bin ich heute nicht mehr im Büro. Morgens habe ich dem Sohn bestätigt, dass er mit meinem vollen Einverständnis die Schule verlassen kann, um am Internationalen Klimastreik teilzunehmen. Die kurze Diskussion darüber, ob Schüler*innen streiken können oder nicht, ist zuhause mittlerweile ein liebgewordenes Ritual. Das Team von Urbanizers streikt heute nicht, aber wer kann und will, nimmt Freizeitausgleich. Unsere Hausbank hat eine Kampagne zur Mobilisierung von Unternehmen für die Klimastreiks gestartet, der wir uns gerne anschließen. Denn bei unseren vielen Projekten für Stadt und Region sagen wir unseren Auftraggebern immer wieder, dass der Schutz des Klimas höchste Priorität haben muss. Die Begleitforschung zur Energetischen Stadtsanierung, aber auch unser gerade abgeschlossenes Leitbild für den neuen Stadtteil Köln Kreuzfeld sind Beispiele dafür.

Urbane Waldgärten – Die Rückkehr in den Garten Eden?

Gärtnern hat bei mir immer überwiegend negative Assoziationen hervorgerufen: Den elektrischen Rasenmäher meiner Mutter alle zwei Wochen über den handtuchgroßen Rasen hin- und herschieben oder mit der linken Hand das Stromkabel in den richtigen Momenten über die Maschine schwingen, um es möglichst nicht zu durchtrennen. Bei gutem Rasenwachstum zweimal im Prozess den Grasschnitt Richtung Biotonne schleppen.

Dabei geht es auch so viel schöner – das zeigt mir aktuell der Beteiligungsprozess zur Planung eines urbanen Waldgartens. Ein Waldgarten orientiert sich, wie der Name schon sagt, in seinem Aufbau an der Natur: dem Wald. In mehreren Schichten werden Bäume, Sträucher, Kräuter und Wurzeln so kombiniert, dass sie sich wie in der Natur gegenseitig unterstützen und regulieren. Dieser Aspekt unterscheidet den Ansatz vom herkömmlichen Urban Gardening. Heraus kommt ein wunderbar vielseitiger, hoffentlich ertragreicher, bunter und wilder Garten. In dem aktuell laufenden Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben der Universität Potsdam geht es vor allem auch darum zu untersuchen, wie eine Gruppe größtenteils unbekannter Menschen gemeinsam den urbanen Waldgarten plant und schließlich anlegt und bewirtschaftet. Aushandlungen, Gemeinschaftsbildung, Solidarität und frisches Obst, Gemüse und Kräuter in Einem.

Der Ansatz dieses Projekts erlaubt es mir, eine ganz andere Perspektive auf Gartenarbeit einzunehmen. In meinem Kopf wächst ein sicherlich naives Traumbild: Stück für Stück wird ein Ort geschaffen, an dem man dem Lärm der Stadt entkommen kann und den Kopf frei bekommt. Die Kombination der verschiedenen Pflanzen birgt fast das ganze Jahr über verschiedene Freuden für alle Sinne. Die harte Arbeit erledigt sich in wunderbarer Gemeinschaft fast schon von alleine.

Natürlich wird es in Realität alles nicht ganz so rosig aussehen. Der Prozess um Konzeption, Aufbau und Bewirtschaftung eines urbanen Waldgartens birgt wahrscheinlich ungeahnte Herausforderungen und Durststrecken. Aber ich bin mir sicher: Es lohnt sich.

Willkommen und Abschied – Ein Résumé und einige Pläne

Zum ersten Mal seit langem haben wir zwei Praktikantinnen gleichzeitig im Büro. Lena und Sophia nutzten das – bei Kaffee auf dem Gehsteig sitzend – für ein Gespräch über Erfahrungen, Erwartungen, Zukunftspläne und Résumés. Lena, nach ihrem erfolgreichen Praktikum bereits vollständig mit der Arbeit bei Urbanizers vertraut, reicht wertvolle Überlebenstipps und Ratschläge für eine möglichst gut genutzte und lehrreiche Zeit an die neuankommende Sophia weiter. Nach umständlicher Aktivierung der iPhone-Aufnahmefunktion ereignete sich folgender Schlagabtausch.

S: Erzähl mir doch mal was über deine letzten Wochen hier bei Urbanizers.

L: Meine Zeit hier war sehr abwechslungsreich. Ich würde sagen, ich habe sehr viel gelernt. Das ging vom wissenschaftlichen Schreiben, was nah mit meinem Studium zutun hatte, über die Organisation von Beteiligungsveranstaltungen bis zur Wahrnehmung von Auswärtsterminen zusammen mit Auftraggebern. Es war insgesamt inhaltlich sehr dicht und hat total Spaß gemacht.

S: Was hat dir am Besten gefallen?

L: Ich glaube das ist tatsächlich das, was mir am Besten gefallen hat: dass es überhaupt nicht langweilig wurde, weil ich so viele verschiedene Aufgaben hatte. Und ganz besonders toll waren natürlich schon die Auswärtstermine und das „im Feld sein“.

S: Was würdest du einem Neuankömmling wie mir raten?

L: Ich würde dir zu allererst raten, alle deine Vorstellungen, die man so an eine typische Praktikantenstelle hat, über Board zu werfen, weil typische Praktikantenarbeit – wie kopieren, Kaffee kochen, … – solche Sachen wirst du hier nicht machen. Stattdessen würde ich dir raten, einfach total offen zu sein und dir zu überlegen, was DU gerne machen möchtest, wo du dich einbringen möchtest. Hier findet sich auf jeden Fall ein Rahmen, um eigene Ideen zu verwirklichen.

S: Und was machst du jetzt als nächstes?

L: Ich bin tatsächlich in das Praktikum gestartet mit der Hoffnung, ein Thema für meine Masterarbeit zu finden. Ich habe zwar kein festes Thema gefunden, aber ich habe diverse Inspirationen gefunden und daran anknüpfend werde ich mich jetzt in die weitere Recherche für meine Masterarbeit stürzen.

S: Viel Erfolg dabei!

L: Dankeschön! Du bist ja für das Praktikum extra von Lüneburg nach Berlin gekommen, was ist dein erster Eindruck von der Stadt und worauf freust du dich besonders?

S: Mein erster Eindruck ist ein bisschen überfordernd. Lüneburg hat nur ca. 70 Tsd. Einwohner*innen, ist also wirklich sehr klein. Aber ich mag es total gerne, dass Berlin so groß ist und man viele verschiedene Möglichkeiten hat, was man machen kann. Jetzt nur auf die Stadt bezogen freue ich mich besonders, an den Wochenenden die Parks zu erkunden, in Museen zu gehen, verschiedene Veranstaltungen zu nutzen, bei Demos mitzulaufen – Sachen zu machen, die es in Lüneburg nicht gibt.

L: Im Praktikum geht’s ja auch immer darum, neue Sachen auszuprobieren und Dinge zu lernen – Was möchtest du bei Urbanizers lernen, was du bislang noch nicht verwirklichen konntest?

S: Mein Studium der Kulturwissenschaften ist sehr theoriebasiert und deswegen freue ich mich in die Praxis zu gehen; Konzepte zu erstellen, Methoden anzuwenden und mit Leuten „im Feld“ in Kontakt zu kommen. Alles was man eben in so einem theoriebasierten Studium nicht macht.

L: Das wirst du auf jeden Fall machen können. Und im Zweifel kann auch immer ein Kollege oder eine Kollegin helfen. Das wäre vielleicht auch noch ein Tipp für „Was ich einem Neuankömmling raten würde“ – bei Unsicherheiten einfach das Wissen der Kolleg*innen abschöpfen.

Ab 2020 haben wir wieder Praktikumsplätze frei und freuen uns auf Bewerbungen von Leuten, die genauso neugierig sind wie Lena und Sophia.

Rechte Räume – Wird Baukultur politisch instrumentalisiert?

Die Archplus hat mit ihrer aktuellen Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise eine alte Debatte neu entfacht: Gibt es „rechte Räume“? Im Fokus steht auch der Walter-Benjamin-Platz in Berlin Charlottenburg – keine 5 Minuten zu Fuß von unserem Büro entfernt. Der Platz wurde vom Architekten Hans Kollhoff gestaltet und 2001 fertiggestellt. Der Architekt hat eine Inschrift mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound anbringen lassen, welcher unstreitig ein Antisemit war.

Ein Kommentar von Gregor Langenbrinck

Materialität, Formsprache samt in der Regel serieller Anordnung der Elemente, Licht und Proportion – die Gestaltung des Raumes macht ihn zu dem, was er ist. Was wäre der Walter- Benjamin-Platz mit denselben Raumvolumina, wenn er anders gestaltet wäre? Die Kolonnade mit wechselnden Elementen, mal Säule, mal Mauer, vielleicht als Arcade ausgebildet, mal ausgestellt mal niedriger oder höher. Das würde dann vermutlich den Berner Altstadt-Arcaden ähneln. Aber bilden diese einen „rechten Raum“? Was macht einen solchen aus?

Bereits zu Bauzeiten haben wir den Walter-Benjamin-Platz heftig diskutiert. Dabei spielten Fragen, wie man mit Architektur überwältigen und verführen kann eine Rolle und ob man das, was Kollhoff da geplant hat, so betrachten sollte oder sogar muss? Aber der Reihe nach. Kollhoff zitiert zunächst mit der Fläche, die zwischen den Kolonnaden aufspannt, italienische Stadtplätze. Zu Zeiten der übermäßigen Möblierung öffentlicher Räume war das durchaus erfrischend. Die Fläche lässt sich nämlich, wie die aktuelle Installation der Regenschirme zeigt, gut aneignen. Aber Springbrunnen, Säulen, Lampen – denkt man die serielle Anordnung der Elemente zwei Dimensionen größer, ist man nicht mehr weit entfernt von Speer oder faschistischer Architektur à la Mussolini, der ja von Ezra Pound ziemlich verehrt wurde. Schwierig, denn Ironie kann ich nicht erkennen, auch kein Aufbrechen. Ganz im Gegenteil, das Zitat von Pound scheint die Architektur in einer sehr fragwürdigen Art und Weise zu komplementieren. Einen Unterschied gibt es dennoch. Der Walter-Benjamin-Platz war Kriegsbrache und dann lange Parkplatz, seine Gestaltung durch Kollhoff jedoch keinesfalls von oben diktierte Staatsarchitektur. Eher hat sich ein zu dieser Zeit mächtiger Architekt ausgetobt. Kollhoff wusste ganz genau, was er tut. Insofern: Ja es ist Architektur, die mit „rechten“ Mitteln arbeitet. Aber ein rechter Raum?

Raum kann man politisch instrumentalisieren. Immer. Raum ist Ausdruck politischer oder auch wirtschaftlicher Leitbilder. Raum kann symbolisch aufgeladen sein, seine architektonische Gestaltung ist hierbei ein zentrales Mittel. Es gibt sie also durchaus, rechte Räume. Doch das Foto macht es deutlich: Der Walter-Benjamin-Platz kann auch anders. Die Fläche funktioniert, hat sie immer schon. Der Platz wird gut und divers genutzt, oft angeeignet.

Was ist Kollhoff? Raumergreifer? Ich bin so frei? Darf man das? Als Deutscher? Als Architekt in Berlin? Man sollte nicht vergessen, dass Kollhoff seine „alte“, von der Moderne abgeleitete Architektur mittlerweile ablehnt. Seinen nicht minder bekannten Wohnbau am Luisenplatz, sieht er heute als Fehler.

Vielleicht sollten wir nicht so sehr darüber nachdenken, ob das politische Raumergreifungsstrategien und wie gefährlich sie möglicherweise sind. Sondern eher, wie demokratische Räume unter den Bedingungen exzessiven (für uns noch nicht spürbaren) Ressourcenmangels und Klimawandels aussehen müssen.

Beetefibel

Es geht los: Vor dem Büro legen wir gemeinsam ein sechsgeschossiges Gemüsebeet an. Ganz im Sinne einer „Stadt für alle“, wird das Beet eine Gemeinschaftsfläche in unserer Nachbarschaft sowie Lebensraum für verdrängte Randgruppen wie Wildbienen, Wurzelhalsschnellkäfer und Co. zugleich.

Für alle, die Lust haben, es uns gleich zu tun, gibt es hier eine kleine Fibel für Straßenbeete.

Jedes Rad ist schön. Noch ein Plädoyer.

Hundebesitzer*innen praktizieren es mit Fremden: Man kennt sich nicht, aber die Tatsache, dass jeweils ein Vierbeiner im Haushalt vorhanden ist, verbindet irgendwie. Man spricht inmitten der anonymen Metropole miteinander, nickt sich freundlich zu, die Hunde beschnuppern sich.

Vergemeinschaftung ist ein zentrales Element in funktionierenden Gesellschaften. Gemeinsamkeiten verbinden, schaffen Sympathie.

Als ich letztens mein Straßenrad vor einer Einkaufsstätte wieder entkettete, inmitten etwa zehn weiterer Räder, blickte ein Herr zu mir rüber und rief mir zu „das ist aber ein schönes Rad!“. Erfreut über den netten Kommentar, den man in Berlin zugegebenermaßen doppelt würdigt, entgegnete ich ein herzliches Danke. Mit Blick auf sein Mountainbike konnte ich ehrlich das Kompliment zurück geben.

Es ist nicht nur deswegen erwähnenswert, weil im ruppigen Straßenverkehr jede Nettigkeit Balsam auf die geschundene Städterseele schmiert. Sondern ebenso, da sich das Vorurteil hartnäckig hält, Rennradfahrer und Mountainbiker seien Gruppierungen mit starkem Distinktionsbedürfnis.

Gibt es also in Berlin, dessen Umgangston im Straßenverkehr zunehmend feindlich wird, doch positive Auswüchse?

Immerhin radelt man hier selten alleine. Und gemeinsames Leid ist geteiltes Leid. Man fühlt sich sicherer in einer Gruppe Gleichgesinnter auf der Straße, zwischen der meist stehenden, aber wenn fahrenden, dann rücksichtslosen Blechlawine. Man warnt hinter sich Radelnde, wenn der nächste Zweitereihefalschparker umschifft werden muss.

Vor kurzem ist der Fahrradklimatest des ADFC auch für Berlin erschienen  und die Ergebnisse zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht, unsere Städte – und insbesondere die Hauptstadt – radfreundlich zu gestalten.

Längst haben Arbeitgeber*innen erkannt, dass sich Mitarbeiter*innen über subventionierte Bewegung freuen. Längst steigt das Angebot an Mieträdern, Lastenradverleihinitiativen, Überlegungen zu sicheren Radwegen – ja sogar der Verkehrsminister hat sich zu einer Radfahrer-Sicherheit-Kampagne, über deren Sinnhaftigkeit sich sicherlich debattieren lässt, hinreißen lassen. Längst überfällig ist eine nachhaltige Lösung für die Stimmen der vielen, die sich in der Stadt lautlos und sicher radelnd fortbewegen möchten. Dass das möglich ist, zeigen diverse Städte unserer europäischen Nachbar*innen.

In Berlin tut sich kaum etwas Sichtbares. Oder doch? Vorm Supermarkt lachten der unbekannte Herr und ich uns kurz an und stellten fest: Jedes Rad ist schön. Drahteselvergemeinschaftung.

Am 3. Juni ist übrigens der europäische Tag des Fahrrads – bzw. Weltfahrradtag. Sehen wir uns auf dem Sattel?