Rechte Räume – Wird Baukultur politisch instrumentalisiert?

Die Archplus hat mit ihrer aktuellen Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise eine alte Debatte neu entfacht: Gibt es „rechte Räume“? Im Fokus steht auch der Walter-Benjamin-Platz in Berlin Charlottenburg – keine 5 Minuten zu Fuß von unserem Büro entfernt. Der Platz wurde vom Architekten Hans Kollhoff gestaltet und 2001 fertiggestellt. Der Architekt hat eine Inschrift mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound anbringen lassen, welcher unstreitig ein Antisemit war.

Ein Kommentar von Gregor Langenbrinck

Materialität, Formsprache samt in der Regel serieller Anordnung der Elemente, Licht und Proportion – die Gestaltung des Raumes macht ihn zu dem, was er ist. Was wäre der Walter- Benjamin-Platz mit denselben Raumvolumina, wenn er anders gestaltet wäre? Die Kolonnade mit wechselnden Elementen, mal Säule, mal Mauer, vielleicht als Arcade ausgebildet, mal ausgestellt mal niedriger oder höher. Das würde dann vermutlich den Berner Altstadt-Arcaden ähneln. Aber bilden diese einen „rechten Raum“? Was macht einen solchen aus?

Bereits zu Bauzeiten haben wir den Walter-Benjamin-Platz heftig diskutiert. Dabei spielten Fragen, wie man mit Architektur überwältigen und verführen kann eine Rolle und ob man das, was Kollhoff da geplant hat, so betrachten sollte oder sogar muss? Aber der Reihe nach. Kollhoff zitiert zunächst mit der Fläche, die zwischen den Kolonnaden aufspannt, italienische Stadtplätze. Zu Zeiten der übermäßigen Möblierung öffentlicher Räume war das durchaus erfrischend. Die Fläche lässt sich nämlich, wie die aktuelle Installation der Regenschirme zeigt, gut aneignen. Aber Springbrunnen, Säulen, Lampen – denkt man die serielle Anordnung der Elemente zwei Dimensionen größer, ist man nicht mehr weit entfernt von Speer oder faschistischer Architektur à la Mussolini, der ja von Ezra Pound ziemlich verehrt wurde. Schwierig, denn Ironie kann ich nicht erkennen, auch kein Aufbrechen. Ganz im Gegenteil, das Zitat von Pound scheint die Architektur in einer sehr fragwürdigen Art und Weise zu komplementieren. Einen Unterschied gibt es dennoch. Der Walter-Benjamin-Platz war Kriegsbrache und dann lange Parkplatz, seine Gestaltung durch Kollhoff jedoch keinesfalls von oben diktierte Staatsarchitektur. Eher hat sich ein zu dieser Zeit mächtiger Architekt ausgetobt. Kollhoff wusste ganz genau, was er tut. Insofern: Ja es ist Architektur, die mit „rechten“ Mitteln arbeitet. Aber ein rechter Raum?

Raum kann man politisch instrumentalisieren. Immer. Raum ist Ausdruck politischer oder auch wirtschaftlicher Leitbilder. Raum kann symbolisch aufgeladen sein, seine architektonische Gestaltung ist hierbei ein zentrales Mittel. Es gibt sie also durchaus, rechte Räume. Doch das Foto macht es deutlich: Der Walter-Benjamin-Platz kann auch anders. Die Fläche funktioniert, hat sie immer schon. Der Platz wird gut und divers genutzt, oft angeeignet.

Was ist Kollhoff? Raumergreifer? Ich bin so frei? Darf man das? Als Deutscher? Als Architekt in Berlin? Man sollte nicht vergessen, dass Kollhoff seine „alte“, von der Moderne abgeleitete Architektur mittlerweile ablehnt. Seinen nicht minder bekannten Wohnbau am Luisenplatz, sieht er heute als Fehler.

Vielleicht sollten wir nicht so sehr darüber nachdenken, ob das politische Raumergreifungsstrategien und wie gefährlich sie möglicherweise sind. Sondern eher, wie demokratische Räume unter den Bedingungen exzessiven (für uns noch nicht spürbaren) Ressourcenmangels und Klimawandels aussehen müssen.

Beetefibel

Es geht los: Vor dem Büro legen wir gemeinsam ein sechsgeschossiges Gemüsebeet an. Ganz im Sinne einer „Stadt für alle“, wird das Beet eine Gemeinschaftsfläche in unserer Nachbarschaft sowie Lebensraum für verdrängte Randgruppen wie Wildbienen, Wurzelhalsschnellkäfer und Co. zugleich.

Für alle, die Lust haben, es uns gleich zu tun, gibt es hier eine kleine Fibel für Straßenbeete.

Jedes Rad ist schön. Noch ein Plädoyer.

Hundebesitzer*innen praktizieren es mit Fremden: Man kennt sich nicht, aber die Tatsache, dass jeweils ein Vierbeiner im Haushalt vorhanden ist, verbindet irgendwie. Man spricht inmitten der anonymen Metropole miteinander, nickt sich freundlich zu, die Hunde beschnuppern sich.

Vergemeinschaftung ist ein zentrales Element in funktionierenden Gesellschaften. Gemeinsamkeiten verbinden, schaffen Sympathie.

Als ich letztens mein Straßenrad vor einer Einkaufsstätte wieder entkettete, inmitten etwa zehn weiterer Räder, blickte ein Herr zu mir rüber und rief mir zu „das ist aber ein schönes Rad!“. Erfreut über den netten Kommentar, den man in Berlin zugegebenermaßen doppelt würdigt, entgegnete ich ein herzliches Danke. Mit Blick auf sein Mountainbike konnte ich ehrlich das Kompliment zurück geben.

Es ist nicht nur deswegen erwähnenswert, weil im ruppigen Straßenverkehr jede Nettigkeit Balsam auf die geschundene Städterseele schmiert. Sondern ebenso, da sich das Vorurteil hartnäckig hält, Rennradfahrer und Mountainbiker seien Gruppierungen mit starkem Distinktionsbedürfnis.

Gibt es also in Berlin, dessen Umgangston im Straßenverkehr zunehmend feindlich wird, doch positive Auswüchse?

Immerhin radelt man hier selten alleine. Und gemeinsames Leid ist geteiltes Leid. Man fühlt sich sicherer in einer Gruppe Gleichgesinnter auf der Straße, zwischen der meist stehenden, aber wenn fahrenden, dann rücksichtslosen Blechlawine. Man warnt hinter sich Radelnde, wenn der nächste Zweitereihefalschparker umschifft werden muss.

Vor kurzem ist der Fahrradklimatest des ADFC auch für Berlin erschienen  und die Ergebnisse zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht, unsere Städte – und insbesondere die Hauptstadt – radfreundlich zu gestalten.

Längst haben Arbeitgeber*innen erkannt, dass sich Mitarbeiter*innen über subventionierte Bewegung freuen. Längst steigt das Angebot an Mieträdern, Lastenradverleihinitiativen, Überlegungen zu sicheren Radwegen – ja sogar der Verkehrsminister hat sich zu einer Radfahrer-Sicherheit-Kampagne, über deren Sinnhaftigkeit sich sicherlich debattieren lässt, hinreißen lassen. Längst überfällig ist eine nachhaltige Lösung für die Stimmen der vielen, die sich in der Stadt lautlos und sicher radelnd fortbewegen möchten. Dass das möglich ist, zeigen diverse Städte unserer europäischen Nachbar*innen.

In Berlin tut sich kaum etwas Sichtbares. Oder doch? Vorm Supermarkt lachten der unbekannte Herr und ich uns kurz an und stellten fest: Jedes Rad ist schön. Drahteselvergemeinschaftung.

Am 3. Juni ist übrigens der europäische Tag des Fahrrads – bzw. Weltfahrradtag. Sehen wir uns auf dem Sattel?

 

Urbanizers for change – was wir für den Klimaschutz tun

Ob über die „Fridays for Future“- Demos, Debatten über die CO2-Steuer oder plastiküberfüllte Strände – aktuell vergeht kaum an Tag, an dem in den Medien nicht über drastische Auswirkungen und Zukunftsszenarien des Klimawandels gesprochen wird. Gleichzeitig häufen sich Diskussionen über das eigene Verhalten im familiären Rahmen, mit Freunden oder aber bei uns im Urbanizers Büro. Während sich meine Eltern regelmäßig über den ausbleibenden Regen in Berlin beschweren, erlebe ich im Freundeskreis Debatten um Mülltrennung, das eigene Konsumverhalten oder die Frage, was denn nun schlimmer sei – Fliegen oder Fleisch essen?

Auch bei uns im Büro fragte kürzlich eine neue Kollegin während des Mittagsessens, ob wir eigentlich alle Veganer oder Vegetarier seien, nachdem wir unsere Brötchen mit veganem Aufstrich bestrichen oder mit Wurst aus Seitan belegten. Die Antwort lautete: „Nein, aber …“.

…wir bemühen uns unseren Büroalltag einigermaßen ressourcenschonend und nachhaltig zu bewältigen: Mehr als die Hälfte der Kolleg*innen fährt regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit (die übrigen Kolleg*innen drängen sich weiterhin hartnäckig in überfüllte U-Bahnen und stickige Busse), wir kaufen Fair-Trade Kaffee, Bio-Tee und Milch aus der Glasflasche und wir vermeiden das Fliegen zu Terminen innerhalb Deutschlands (auch wenn das eine kurzzeitige Verlagerung des Arbeitsplatzes ins Bordrestaurant erfordert).

Vor allem aber kümmern wir uns in unserer Arbeit um die nachhaltige Stadtentwicklung: Grüne Infrastruktur, energetische Sanierung und nachhaltige Mobilität sind Themen, mit denen wir uns gerne und viel beschäftigen. Diese Woche starteten wir beispielsweise mit Bereisungen der Fallstudienkommunen im Rahmen der Begleitforschung Energetische Stadtsanierung. Wie machen sich Stadtquartiere fit für die Energiewende? Wir sind sehr gespannt und teilen Eindrücke und Einschätzungen davon in den nächsten Wochen hier sowie auf unseren Instagram– und Twitter-Profilen. Wir ahnen, dass auch nachhaltige Stadtentwicklung auf zahlreiche Probleme, Hindernisse und Fehlplanungen stößt. Aber wir glauben auch, dass viele große und kleine Schritte, Erfolge und Fehler notwendig sind, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und eine alternative Zukunft zu entwickeln.

Späti vs. Trinkhalle, Teil III

Fortsetzung zu Teil I und Teil II:  In diesem letzten dritten Teil findet ihr heraus, ob sich unsere Praktikantin entscheiden kann.

 

Mentalität

Ich mag die Berliner Schnauze, dennoch kann sie mit der rauen, ehrlichen und unaufgeregten Ruhrpott Mentalität schwer mithalten, die ich hier in Berlin manchmal vermisst habe. Trainingsjacken aus den 80ern tragen die Menschen an beiden Orten. Während sie in Berlin teuer auf dem Flohmarkt gekauft wurden und modischen Zwecken dienen, werden sie im Ruhrpott vor allem von der älteren Generation ohne weiteren Hintergedanken getragen – und das schon seit den 80ern.

Es wird deutlich: Ein Vergleich ist schwierig. Auf den ersten Blick überzeugt Berlin, doch auch das Ruhrgebiet ist spannender als sein Ruf. Ich bleibe unentschlossen. Beide Orte zeichnen sich durch eine große Vielfalt an Menschen aus, dennoch sind sie so unterschiedlich und beide auf ihre Art besonders.

 

Vielleicht ist meine Zeit in Berlin zu kurz, im Vergleich zu den Jahren, die ich im Ruhrgebiet verbracht habe, um solch einen Vergleich abschließend zu bewerten. Doch dank meines Praktikums bei Urbanizers habe ich einen tiefen und vielschichtigen Einblick in die Hauptstadt und aktuelle stadtpolitische Themen bekommen. Ohne die Kolleg*innen wäre wohl sehr viel an mir vorbeigegangen.

 

Danke liebe Urbanizers für die schönen 3 Monate bei euch, für die vielen Veranstaltungen, zu denen ich euch begleiten durfte, für das offene Ohr bei Fragen aller Art und den guten Kaffee!

 

Danke, liebe Marie, für deine tatkräftige Unterstützung!

Späti vs. Trinkhalle, Teil II

Fortsetzung zu Teil I: In Teil II beleuchtet Marie Köhler zwei weitere Aspekte in ihrem Abwägungsprozess.

 

Stadtgrün
Der graue Kohlepott ist grüner, als viele Menschen denken. Ob Essen jedoch grün genug für den Titel „Grüne Hauptstadt Europas“, den es im Jahr 2017 erhielt, ist, bezweifle ich immer noch. Der Süden der Stadt mit dem Stadtwald und dem Baldeneysee ist zwar wunderschön und überrascht viele Leute, die zum ersten Mal nach Essen kommen. Dennoch wohnt der Großteil der Essener Bevölkerung eher an der A40 oder einer anderen viel befahrenen Straße als am See oder in der Nähe eines Parks.

Parks gibt es in Berlin viele. Vor allem der große Tiergarten im Zentrum der Stadt bietet Erholungsmöglichkeiten mitten in der Großstadt. Und auch mit dem grünen Umland kann Berlin punkten.

Doch auch in Berlin ist „Grün in der Stadt“Eine Charta für das Berliner Stadtgrün ein Thema, das weiterhin von großer Wichtigkeit für die Stadtplanung sein sollte – einer der Arbeitsschwerpunkte bei Urbanizers.

Mieten
Hier muss nicht viel gesagt werden. Dieser Punkt geht ganz klar ans Ruhrgebiet. Von dem bezahlbaren Wohnraum, der in Essen verfügbar ist, können Wohnungssuchende in Berlin nur träumen. Umso wichtiger, dass Neubauvorhaben, die entsprechenden bezahlbaren Wohnraum in Berlin schaffen und nicht gewinnorientiert sind, Unterstützung finden. Auch im Praktikum begegnete mir dieses Thema sehr oft – so half ich zum Beispiel bei der Organisation einer Informationsveranstaltung zu einem Neubauvorhaben einer landeseigenen Wohnbaugesellschaft.

 

Lest bald in Teil III, ob Marie sich zwischen Trinkhalle und Späti entscheiden können wird.

Späti vs. Trinkhalle, Teil I

Unsere Praktikantin geht mit einem Reflektionsprozess zum Thema Für und Wider Hauptstadt oder Ruhrpott in Mini-Serie. Hier kommt der erste Teil.

Mein 3-monatiges Praktikum bei Urbanizers neigt sich dem Ende zu. Nach einer spannenden und lehrreichen Zeit in der Hauptstadt geht es für mich nun zurück nach Essen in den Ruhrpott. „Hier bleibe ich nicht länger als nötig“, dachte ich, als es mich zu Beginn meines Studiums ins Ruhrgebiet verschlug. Im Laufe der Zeit habe ich jedoch den Pott und seine Menschen besser kennen und irgendwann auch lieben gelernt. Kurz vor dem Ende meines Studiums und am Ende des zweiten längeren Berlin-Aufenthalts frage ich mich erstmals, ob ich hierher umziehen sollte.
Das Ruhrgebiet und Berlin könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Gut, auch auf den zweiten Blick findet man nicht viele Gemeinsamkeiten. Vielleicht ist ein Vergleich trotzdem eine Entscheidungshilfe für mich, um meinen kleinen inneren Konflikt anzugehen?

Architektur/Stadtbild
Berlin mit seinen gründerzeitlichen Prachtbauten hat mich schnell überzeugt. Ich freue mich immer noch fast täglich über die hohen Decken und den Stuck in der Wohnung, die ich zurzeit bewohne.
Hier hat das Ruhrgebiet leider nicht so viel zu bieten: Es ist stark durch Gebäude und Siedlungsstrukturen der Nachkriegszeit geprägt. Dennoch lohnt es sich auch hier, etwas genauer hinzuschauen. Denn auch unter den Bauten der Nachkriegsarchitektur lassen sich einige sehr interessante Gebäude entdecken.

Mobilität
Urbane Mobilität ist sowohl für die Metropole Berlin, als auch für die Metropole Ruhr ein wichtiges Thema. Von Kreuzberg in den Wedding braucht man in etwa so lange wie von Essen nach Dortmund. Was den öffentlichen Personennahverkehr angeht, überzeugt Berlin mit seinem gut getaktetem Bus- und Bahnnetz. Wenn ich am Anfang noch gerannt bin, um eine U-Bahn zu erwischen, habe ich schnell gemerkt, dass die nächste Bahn nie lange auf sich warten ließ. (In Essen musste ich hingegen lernen, dass die Ansage „sofort“ auf der Anzeigetafel für die nächste Bahn ein durchaus dehnbarer Zeitraum ist und dass ich mich, sobald es regnet oder schneit, sowieso nicht auf die Bahn verlassen kann.)
Obwohl das Ruhrgebiet mit seinem Radschnellweg Ruhr gute Radverbindungen zwischen einigen Städten des Ruhrgebiets geschaffen hat, lässt die Fahrradinfrastruktur innerhalb der Städte, die stark vom motorisierten Individualverkehr geprägt sind, zu wünschen übrig. Auch in Berlin ist das Radwegenetz ausbaufähig – dennoch gibt es bereits sehr viele Radwege und Fahrradfahrer*innen sind keine Seltenheit auf den Straßen Berlins.

 

Lest in Teil II über Stadtgrün und Mieten.

#feiertagfueralle

Gelegentlich geht mir die Berliner Politik gegen den Strich. Und zwar so richtig. Zuletzt weniger in Sachen Wohnungsbau, Kleingärten oder Ausbau der Fahradinfrastruktur. Sondern bei dem reichlich chaotischen Alleingang, den Frauentag zum neuen Feiertag zu erklären. Ich ginge gerne heute zur Arbeit, wenn ich dafür 365 Tage Gleichberechtigung im Jahr bekäme.

Oder wenn sich nach acht Frauen in Folge mal wieder ein Mann auf einen unserer Praktikumsplätze bewerben würde.

Oder wenn hier nie wieder jemand anriefe, der nach dem Chef verlangt.

Oder wenn unsere Auftraggebenden nicht alle ihr eigenes Süppchen kochten bei den Gendersternchen, Schräg- und Unterstrichen, Disclaimern oder sonstigen Versuchen, Ungleichheit wenigstens aus der Sprache zu verbannen.

Oder wenn statt der Kollegin nächstes Jahr ein Kollege über den Wiedereinstieg nach der Elternzeit sinniert.

Oder wenn Männer und Frauen gemeinsam zurDemo gehen.

Den Feiertag nutze ich übrigens zum gemeinsamen Essen mit Befreundeten (ja, jetzt habe ich tief in die sprachliche Trickkiste gegriffen). Die Kids haben eine Umfrage gestartet, wer kocht: Die Eltern? Die Kinder? Die Frauen? Die Männer?

Meine persönliche Antwort: Ich nicht. Wie auch an geschätzt 180 anderen Tagen im Jahr.

Vom Muttersein und Karriere machen

Es ist Mittwoch. Wie jede Woche in den letzten Monaten gehe ich gemeinsam mit der Tochter, 7 Monate, in die Krabbelgruppe. Singen, klatschen, spielen, tanzen. Irgendwann gibt es Kaffee für die Mamas. Alle tratschen wild durcheinander. Ich erzähle, dass ich bald nicht mehr kommen kann. „Ich gehe ab nächsten Monat wieder arbeiten, dann bleibt mein Freund mit Tochter zuhause.“
Stille.
„Was, echt jetzt?“ „Oh, Du arme.“ „Ist ja schön, dass das bei euren Arbeitgebern so klappt.“ „Das ist ja toll von Deinem Mann.“

Die Reaktionen offenbaren eine gesellschaftliche Realität weit entfernt von Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Manche Mütter müssen aus finanziellen Gründen wieder Vollzeit arbeiten gehen. Andere Mütter würden gerne zurück in den Job, finden aber mit Kind keinen mehr.
Allen Frauen aber ist eins gemein. Sie müssen einerseits einem tradierten Bild der Mutter gerecht werden: fürsorglich, selbstlos und erfüllt durch die Rolle als Mutter und Hausfrau. Andererseits sind sie eine volkswirtschaftliche Ressource. Insbesondere von Akademikerinnen wird erwartet, dass sie wieder in den Job einsteigen: 40 Stunden plus, um dann ‚Karriere‘ zu machen, so wie es immer noch die männliche Normalbiographie diktiert. Und am besten soll das alles unter einen Hut gehen, sprich zur bezahlten Arbeit kommt dann noch die unbezahlte Arbeit zuhause dazu.

Mein Wiedereinstieg bei Urbanizers verlief eher sachte. 40-Stunden-Wochen sind hier ohnehin nicht die Norm, egal ob mit oder ohne Kind. Co-Chef Gregor Langenbrinck hat 2004, als von Elterngeld noch nicht die Rede war, schon ein Vaterhalbjahr gemacht. Demnächst tauschen wir uns also dazu aus, wie es klappt mit der Jonglage zwischen Dienstreise und Krabbelgruppe, kurzen Nächten und langen Terminen, Windeln wechseln und Forschungsberichte schreiben.

Auf Wohnungssuche.

Unser Kollege Alessandro lässt seine Erlebnisse in unserer Stadt Revue passieren.

Rückblende: Prenzlauer Berg, 2017. 3 Zimmer Küche Bad, Altbau. Miete: unter 1000 Euro Kalt. Zum Besichtigungstermin kamen mehrere hundert Leute (laut Focus Online 800). Ich hätte auf meiner Wohnungssuche einer davon sein können – aber das Angebot schien mir schier utopisch! Was bedeutet das für eine Stadt wie Berlin und ihrer Wohnraumpolitik? Wahrscheinlich nichts Gutes.

Der Wohnungsmarkt in Berlin ist so heiß, dass er fast kocht. Das scheint auch der globalen Wohnungswirtschaft nicht entgangen zu sein: Berlin ist gleich nach New York die beliebteste Stadt für ausländische Investoren – noch vor London, Los Angeles und San Francisco (Association of Foreign Investors in Real Estate afire 2017). Warum ist das so? Die Antwort ist einfach – die Renditeerwartungen für Eigentümer sind extrem hoch. Die Bestandsgebäude sind vergleichsweise kostengünstig zu erwerben und mit den Mieten können schnell Gewinne erwirtschaftet werden. Außerdem ist Berlin trendy, sexy, hip – die Bevölkerung ist in den letzten Zehn Jahren um 10 % gestiegen, der Neubau hinkt hinterher – und daraus resultiert ein enormer Druck auf den Wohnungsmarkt, der sich in den Mietpreisen widerspiegelt.

Ich habe mich ein halbes Jahr auf den Markt geschmissen, war auf unzähligen Wohnungsbesichtigungen, habe mich bei Eigentümern, Vermietern, Hausverwaltungen und Maklern eingeschleimt und bei zustimmenden Gesprächen mit Ihnen über den katastrophalen Wohnungsmarkt – und dass sie ja die Guten wären – meine Selbstachtung verloren. Fragwürdige Deals gab es zu genüge. Seit gut sechs Monaten bin ich nun Kreuzberger, SO36 – ein kleiner großer Traum von mir. Den Quadratmeterpreis von knapp 17 € habe ich dafür nach zahllosen Absagen akzeptiert. „Irgendwo muss ich ja wohnen, oder?“ rechtfertige ich mich vor allem vor mir selbst. Das ist nicht das Kreuzberg aus meinen Träumen – ich schäme mich sogar dafür!

Ich bin Student, Stadtforscher, kritisch – und nun selbst Teil dieser so allgegenwärtigen Transformation. Ein schmerzhaftes Dilemma.