Rechte Räume – Wird Baukultur politisch instrumentalisiert?

20.06.2019, Gregor Langenbrinck

Die Archplus hat mit ihrer aktuellen Ausgabe Rechte Räume – Bericht einer Europareise eine alte Debatte neu entfacht: Gibt es „rechte Räume“? Im Fokus steht auch der Walter-Benjamin-Platz in Berlin Charlottenburg – keine 5 Minuten zu Fuß von unserem Büro entfernt. Der Platz wurde vom Architekten Hans Kollhoff gestaltet und 2001 fertiggestellt. Der Architekt hat eine Inschrift mit einem Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound anbringen lassen, welcher unstreitig ein Antisemit war.

Ein Kommentar von Gregor Langenbrinck

Materialität, Formsprache samt in der Regel serieller Anordnung der Elemente, Licht und Proportion – die Gestaltung des Raumes macht ihn zu dem, was er ist. Was wäre der Walter- Benjamin-Platz mit denselben Raumvolumina, wenn er anders gestaltet wäre? Die Kolonnade mit wechselnden Elementen, mal Säule, mal Mauer, vielleicht als Arcade ausgebildet, mal ausgestellt mal niedriger oder höher. Das würde dann vermutlich den Berner Altstadt-Arcaden ähneln. Aber bilden diese einen „rechten Raum“? Was macht einen solchen aus?

Bereits zu Bauzeiten haben wir den Walter-Benjamin-Platz heftig diskutiert. Dabei spielten Fragen, wie man mit Architektur überwältigen und verführen kann eine Rolle und ob man das, was Kollhoff da geplant hat, so betrachten sollte oder sogar muss? Aber der Reihe nach. Kollhoff zitiert zunächst mit der Fläche, die zwischen den Kolonnaden aufspannt, italienische Stadtplätze. Zu Zeiten der übermäßigen Möblierung öffentlicher Räume war das durchaus erfrischend. Die Fläche lässt sich nämlich, wie die aktuelle Installation der Regenschirme zeigt, gut aneignen. Aber Springbrunnen, Säulen, Lampen – denkt man die serielle Anordnung der Elemente zwei Dimensionen größer, ist man nicht mehr weit entfernt von Speer oder faschistischer Architektur à la Mussolini, der ja von Ezra Pound ziemlich verehrt wurde. Schwierig, denn Ironie kann ich nicht erkennen, auch kein Aufbrechen. Ganz im Gegenteil, das Zitat von Pound scheint die Architektur in einer sehr fragwürdigen Art und Weise zu komplementieren. Einen Unterschied gibt es dennoch. Der Walter-Benjamin-Platz war Kriegsbrache und dann lange Parkplatz, seine Gestaltung durch Kollhoff jedoch keinesfalls von oben diktierte Staatsarchitektur. Eher hat sich ein zu dieser Zeit mächtiger Architekt ausgetobt. Kollhoff wusste ganz genau, was er tut. Insofern: Ja es ist Architektur, die mit „rechten“ Mitteln arbeitet. Aber ein rechter Raum?

Raum kann man politisch instrumentalisieren. Immer. Raum ist Ausdruck politischer oder auch wirtschaftlicher Leitbilder. Raum kann symbolisch aufgeladen sein, seine architektonische Gestaltung ist hierbei ein zentrales Mittel. Es gibt sie also durchaus, rechte Räume. Doch das Foto macht es deutlich: Der Walter-Benjamin-Platz kann auch anders. Die Fläche funktioniert, hat sie immer schon. Der Platz wird gut und divers genutzt, oft angeeignet.

Was ist Kollhoff? Raumergreifer? Ich bin so frei? Darf man das? Als Deutscher? Als Architekt in Berlin? Man sollte nicht vergessen, dass Kollhoff seine „alte“, von der Moderne abgeleitete Architektur mittlerweile ablehnt. Seinen nicht minder bekannten Wohnbau am Luisenplatz, sieht er heute als Fehler.

Vielleicht sollten wir nicht so sehr darüber nachdenken, ob das politische Raumergreifungsstrategien und wie gefährlich sie möglicherweise sind. Sondern eher, wie demokratische Räume unter den Bedingungen exzessiven (für uns noch nicht spürbaren) Ressourcenmangels und Klimawandels aussehen müssen.